Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-10 · Heft 3 (10.11.1916) · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 3 (10.11.1916)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1916-11-10
Page
Seite 80 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908694-2908987--0152-2909031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

80 heit entspricht. Und diese Wahrheit Gottes besteht und vollzieht sich in der Bürgschaft, die er leistet für die Realisierung der Ethik, für die Realisierung des ethischen Begriffs des Menschen und der Menschheit. Was die Religion Vertrauen nennt, das nennt die Ethik Denken, Erkenntnis der Idee. Lassen wir jetzt die methodische Unterscheidung fallen, so einigt sich die Ethik mit der Religion in dem Vertrauen auf Gott, als den Bürgen für die Herstellung der Sittlichkeit auf Erden. Ohne diese Bürgschaft triebe die Ethik nur ein Spiel mit Begriffen und mit Begriffen ist kein Spiel zulässig. Die Idee Gottes aber schafft der Ethik die objektive Sicherheit, die sie für die Gewißheit ihrer Erkenntnis nicht entbehren kann. Die Sittlichkeit, wenngleich ihr annoch die Wirklichkeit fehlt, hat dennoch den Wert der Realität, weil dieser ihr, durch die Idee Gottes verbürgt wird. Die Ethik bleibt kein Stückwerk, das an sich selbst verzweifeln müßte; denn es fehlt ihr nicht an der Idee, welche zwar erst ihr Dach zimmert, dadurch zugleich aber auch ihr Fundament sichert. Die Sittlichkeit kann mit der Realität der Natur wetteifern, weil und sofern die Idee desselben Denkblutes ist, wie alle Begriffe, welche die Erkenntnis der Natur begründen. Was wäre nun aber alle Geschichte, was alle Politik ohne dieses Vertrauen auf Gott, als den Schutz und Bürgen der Sittlichkeit auf Erden? Wäre etwa das nationale Bewußtsein für sich allein imstande, die sittliche Kraft zu stählen, welche zum Aushalten in einem Weltkriege erfordert wird? Gäbe das Lebensrecht und das Machtverlangen der Nation einen hinlänglichen Grund für (Tie Ausdauer im Lebenskampfe einer Nation? Muß nicht die Selbstliebe und das Selbstbewußtsein der Nation von seinem Recht und seiner Ehre im tiefsten Grunde gestützt werden von dem sittlichen Bewußtsein des geschichtlichen Rechtes und der weltgeschichtlichen Aufgabe der Nation? Ist es also nicht, mit anderen Worten, das Vertrauen auf Gott, als den Bürgen für die Realisierung des Rechts auf Erden, aus welchem im letzten Grunde auch alles nationale Bewußtsein seine Kraft schöpfen muß? Das Gott vertrauen ist aber auch der Trost im Bekenntnis und in der Treue zur Religion. Und dieses Trostes bedürfen wir deutsche Juden gerade jetzt wieder, da wir, von den schweren Sorgen in der heiligen Liebe zum Vaterlande bedrängt, in unserer religiösen Sonderheit angegriffen und in unserer vaterländischen Ehre gekränkt werden. Was bleibt uns nun aber zu tun gegenüber dem Ansinnen dieser besonderen .Judenstatistik? Sollten wir etwa irre und schwach werden in unserem patriotischen Gefühl, in unserer patriotischen Pflicht? Dawider rettet uns unsere Religion, die uns in der Pflicht erzogen hat, in diesem tiefsten Sinne des Qesetzes, ohne den eudämonistischen Hintergedanken auf den Erfolg. Wir bleiben fest in unserer Pflicht gegen unseren Staat, wie dieser auch jeweilig gegen uns verfahren mag. Wir bleiben auch fest in unserem Gefühl für unser Vaterland. Denn in unserer Geschichte, mit der kein Volk der Erde sich messen kann, haben wir das historische Bewußtsein und das historische Gefühl unterscheiden gelernt von dem zeitlichen Erlebnis, dem vorübergehenden Ereignis. Unser Gefühl für das Deutseh-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.