Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 79 (sequence 1)
- Language
- German
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79 Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft 3. Gottvertrauen Von Hermann Cohen Was der Glaube an Gott sachlich und theoretisch bedeutet, das bedeutet das Gottvertrauen im persönlichen Verhältnis des Menschen zu Gott. Wahrend daher der Glaube an Gott ein Denken ist, ist das Vertrauen zu Gott ein Gefühl. Und die Selbständigkeit des religiösen Bewußtseins scheint auf diesem eigenartigen Gefühl zu beruhen. Wer das Gottvertrauen nicht kennen will — denn kennen muß es jeder Mensch in seinem Grundgefühle — dem bleibt die religiöse Literatur in ihren klassischen Tiefen, dem bleibt die Lyrik der Psalmen ein unauflösbares Rätsel. Es bleibt ihm daher auch verborgen, was die Psalmen in der Weltliteratur für die Keuschheit, die Wahrhaftigkeit, die Idealität der Liebe durch ihre Reinheit der Liebe und des Vertrauens zu Gott ausgewirkt haben. Ein mittelalterlicher Philosoph hat bemerkt, daß die hebräische Sprache zehn Worte für das Goftvertrauen hat. Sie lassen sich in zwei Reihen abteilen, deren eine das Vertrauen objektiv ausdrückt, als die feste Burg, den Schutz und die Stütze, während die andere das Harren und Verlangen nach Gott, die Sehnsucht und die Hoffnung bezeichnet. Aus der Sehnsucht hat die Lyrik die reine Liebe der Poesie entwickelt. In der Hoffnung aber verbindet sich die Religion mit der Ethik. Es ist ein Vorurteil der populären Meinung, daß das Gottvertrauen ausschließlich und spezifisch ein religiöser Affekt wäre: vielmehr mündet die Ethik in diese theoretische Forderung, in dieses Postulat ein. Die Ethik wäre ein Lehrgebäude von Abstraktionen über den Begriff des Menschen und über den möglichen Sinn seines Daseins und seiner Schöpfungen, wenn nicht die Idee Gottes den Abschluß dieser Abtraktionen bildete, so daß in dieser Krone auch die Wurzel befestigt wird. Die Idee Gottes bedeutet in der Ethik die Bürgschaft: daß die Forderungen der Ethik für den Begriff des Menschen nicht nur Abstraktionen seien, deren Wert in der Folgerichtigkeit dieser Begriffe bestehe, sondern daß ihnen eine Realität zukommt, vergleichbar derjenigen, die den logischen Begriffen der Wissenschaft für die Realität der Natur zustellt. Gott ist zwar nicht gleichzusetzen mit der Natur; sein Sein nicht gleichzusetzen mit der Wirklichkeit der Natur. So ist auch die Erkenntnis von Gott nicht gleichzusetzen mit der der Natur. Aber die Begriffe sind, als Begriffe, vergleichbar, wenngleich ihr Inhalt unvergleichbar ist. So entsteht eine Analogie zwischen den Begriffen von der Natur und der Idee von Gott; und ebenso auch zwischen der Erkenntnis der Natur und dem Denken von Gott. Dieser Gedanke, diese Idee von Gott ist der Abschluß der Ethik. Die Ethik bliebe ohne Abschluß, sie bliebe ein Netzwerk von Begriffen, wenn dieses Rätsel nicht die Lösung in sich enthielte: daß diesem System von Begriffen eine Wahr-