Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Über die Stellung des Salomonischen Tempels in der Weltarchitektur
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 74 (sequence 3)
- Language
- German
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74 sich rechts und links der dunkle Raum ausdehnte! Jede architektonische Wirkung desselben ging dadurch vollkommen verloren. Diese durchaus unbefriedigende, aber einmal als sakral anerkannte und deshalb mit dem allen religiösen Dingen eigenen Konservatismus beibehaltene Grundform wurde dann von den Hettitern übernommen und kam dort von zirka 1200 ab ungefähr während 500 Jahren zur Anwendung, wie wir es durch die Ausgrabungen von Sendjirli in Syrien wissen. Sie war also noch zur Zeit König Salomos in vollem Gebrauch. Es wäre nun weiter nicht erstaunlich gewesen, wenn der von Salomo mit dem Bau des ersten jüdischen Tempels betraute Architekt aus Tyr, dem sie aller Vermutung nach bekannt gewesen sein muß. sie irgendwie nachgeahmt und sich von ihr hätte beeinflussen lassen. Daß das nicht geschah, daß Salomo einen Architekten berief, der sich von dieser beherrschenden Form loszumachen wußte, darin besteht sein Verdienst. Nach allem was wir von diesem, ich möchte sagen populärsten der jüdischen Könige wissen, müssen wir folgern, daß er nicht nur ein lebensfreudiger und prunkliebender Fürst war, sondern auch wirklichen Sinn für Kunst, mit einem Wort, Geschmack hatte. So brach er denn mit dem üblichen offiziellen Schema für Sakralbauten und wählte eine Form, die sein ästhetisches Bedürfnis besser befriedigte: die Kombination von Quer- und Längseeila; d. h. an den ersten Raum, die Quercella, schloß sich ein zweiter an, dessen Längsachse aber nicht parallel zu der des ersten, sondern im rechten Winkel stand, die Längscella, die man vom ersten Raum aus durch eine Tür an der Schmalseite betrat, wodurch die architektonische Wirkung voll ausgenutzt wurde. Erhöht wurde auch der Effekt des ersten Raumes, der zur offenen Halle wurde, mit den beiden Säulen Jachin und Boas (Kg. 1, 7, 21) geschmückt; denn einen geschlossenen Raum quer anzuordnen, ist ein Nonsens, wird aus ihm aber durch Wegnahme einer Wand eine Halle, so ist damit die Frage im besten Sinne gelöst. Wie schon gesagt, selbst erfunden hat nun weder Salomo noch sein Architekt diese Form; wir finden sie am frühesten in Ägypten im Alten Reich (zirka 3000 v. Chr.), sie wurde dort bei Kultstätten angewandt, allerdings in der frühen Zeit nicht prädominierend. Von Ägypten aus muß sie durch die regen Beziehungen zu Syrien und Kleinasien, die Palästina durchzogen, auch in das letztgenannte Land gelangt sein. Ich fand im Sommer 1913 gelegentlich einer Reise in Syrien und Palästina, die ich im Auftrage der „Gesellschaft für Palästinaforschung44 machte, in der näheren Umgebung von Jerusalem Kultgrotten (cf. meinen diesbezüglichen Reisebericht in der 5. Veröffentlichung der eben genannten Gesellschaft, Berlin 1914, S. 28 ff.), die nach derselben Grundform, Quer- und Längscella, angelegt sind, und die als solche auch durch eine Stelle bei Hesekiel (Kap. 8, V. 3 ff.) charakterisiert werden. Sie, oder möglicherweise oberirdische Bauten, die in gleicher Weise angelegt waren, uns aber