Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 65 (sequence 8)
- Language
- German
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65 nur große Mittel, sondern auch Verständnis für die Psyche, die religiöse und volkliche Eigenart des jüdischen Stammes gehört. Der polnische Beamte kann beides nur in seltenen Fällen besitzen und dem gebildeten Juden Polens fehlt es oft an politischer Schulung, mehr noch infolge der vielen Parteiungen an der erforderlichen Autorität. Schon während des gegenwärtigen Zustandes hat sich westlicher Einfluß mehrfach als einigend, ausgleichend und mäßigend erwiesen. So ergibt sich für uns deutsche Juden von selbst die Richtlinie unseres Verhaltens. Unser Interesse an der Erhaltung und Hebung, wie an der rechtlichen Sicherstellung der Ostjuden ist ein dringendes, und die Zusammenfassung aller Kräfte ist unbedingt erforderlich. Wir können uns den Luxus innerer Fehden nicht mehr gestatten, wenn nicht unheilbarer Schaden entstehen soll. Es ist wohl möglich, ein Mindest- Programm zu formen, auf das sich das ganze deutsche Judentum vereinigt und als das wir vorschlagen möchten: Forderung unbedingter Gleichberechtigung aller Minoritäten, also auch der Juden, mit den Polen in der Verfassung, und ein in den Landesgesetzen festgelegter Schutz für ihre religiöse und kulturelle Eigenart, insoweit sie selbst deren Erhaltung wünschen. Abwehr jeden Zwanges zur Polonisicrung, und Vermeidung aller Germanisierungsmaßnahmen. Entschiedene Ablehnung aller Sondergesetze bezüglich der Einwanderung und besonders der Grenzsperre, und eine nachdrückliche Aufklärung der Öffentlichkeit, sowie der einflußreichsten obersten Instanzen und des im Osten tätigen Beamtentums über alle einschlägigen Fragen. Schließlich eine umfassende Hilfstätigkeit zur Milderung des großen Elends und Studium der Wirtschaftsfragen, deren Lösung nach dem Friedensschluß erfolgen muß. In manchen Kreisen stimmt man wohl einem großen Teil dieses Programmes zu, möchte aber eine politische und kulturelle Stellungnahme bis zu dem Augenblick vertagen, an dem sich die endgültige Gestaltung der Verhältnisse im Osten übersehen läßt. Mir scheint diese Zurückhaltung keine glückliche zu sein. Schon jetzt ergehen zahlreiche Maßnahmen, besonders auf dem Schulgebiet, die ein Definitivum vorbereiten, und sie sind nicht immer von Verständnis getragen. So setzt die Warschauer Stadtverwaltung den jüdischen Wünschen bezüglich der Volksschule hartnäckigen Widerstand entgegen und fordert das Polnische als Unterrichtssprache — nicht nur, was zu billigen wäre, als Unterrichtsgegenstand! — an allen jüdischen Schulen. Man bedenke, wie schwer es ist, einen fertigen Zustand, der einmal zu Recht geschaffen ist, später wieder abzuändern! Dagegen ist es verhältnismäßig einfach, ein Programm neuen Verhältnissen anzupassen, vor allem ein solches, das im wesentlichen nur den Schutz der Menschen und Zustände, wie sie eben sind, zum Gegenstand hat. Wer kein Doktrinär ist, wird immer verstehen, einer neuen Lage Rechnung zu tragen. Im übrigen scheinen die Dinge so zu liegen, daß der Schutz kultureller und sprachlicher Eigenart unter jeder zu erwartenden Korn-