Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 64 (sequence 7)
- Language
- German
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64 Gegebene, sind doch auch bisher die Kinder in den religiösen Schulen — den Chedarim — im Jargon unterrichtet worden. Polen war auch zur Zeit seiner früheren Selbständigkeit nie ein Nationalstaat, sondern stets ein Nationalitätengebilde. Ein neues Polen wird sich dessen erinnern und verstehen, daß es nur dann ein Recht auf die Sympathien Europas erwirbt, wenn es die langentbehrte Freiheit nicht anderen schmälert und nicht nach so langer, schwer ertragener Bedrückung andere bedrückt. Es kann nur dann auf festen, vom Ausland unangefochtenen Bestand rechnen, wenn es versteht, alle seine Bürger, Deutsche und Juden, Weißrussen, Litauer und Ruthenen, mit Banden der Liebe an den Staat zu ketten, dessen Lage zwischen Ost und West ohnehin keine allzu leichte sein dürfte. Es gibt heute noch eine ganze Anzahl von Polen, die eine jüdische Massenauswanderung herbeisehnen und in ihr die Lösung des Judenproblems erblicken. Sie befinden sich in einem Irrtum, der beseitigt werden muß. Selbst wenn von den 1600 000 Juden Kongreßpolens die Hälfte nach Übersee oder nach Rußland abwanderte, so würde damit die Judenfrage ihrer Lösung nicht nähergebracht sein. Die Schwierigkeit würde unverändert fortbestehen, weil sie ja vor allem in der Massierung des jüdischen Elements in den Städten und Flecken beruht. Selbst wenn sich dieses um die Hälfte verringerte, bliebe der Rest immer noch ein völlig geschlossener jüdischer Volkskörper, dessen Assimilierung an das Polentum so nicht im geringsten gefördert würde. Nun kann aber an eine derartige massenhafte Abwanderung nicht im entferntesten gedacht werden. Schon aus politischen Gründen nicht, — die Auswanderungsländer würden die Aufnahme weigern — und auch deshalb nicht, weil die Organisation für derartige Massenwanderungen völlig fehlt und auch nicht zu schaffen ist. Die Auswanderer müßten großenteils zur Landwirtschaft oder Industrie überführt werden, und wenigstens für den ersten, wünschenswertesten Beruf fehlt es an Geld, landwirtschaftlichen Lehrern, praktischen Erfahrungen. Ganz abgesehen davon, daß ein großer Teil der Bevölkerung in ihrem jetzigen halbverhungerten Zustande schwerer Körperarbeit in fremdem Klima kaum gewachsen erscheint. Der polnische Jude ist auch durchaus nicht wanderungslustig und weicht nur wirtschaftlichem oder politischem Zwange, der unbedingt ausgeschlossen bleiben muß. Gern wandert er höchstens nach Palästina in die alte Stammesheimat, die aber auch für eine Masseneinwanderung keineswegs vorbereitet ist. So muß also die Lösung der Judenfrage im Lande selbst versucht werden, und zwar durch die Verwirklichung der oben geforderten politischen und kulturellen Garantien und durch die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten. Wir müssen uns vorbehalten,, auf die wirtschaftliche Seite des Problems später zurückzukommen. Auch hier erscheint die Mitarbeit der deutschen Juden, wie schon gesagt, unerläßlich, und sie wird sicherlich von den Ostjuden freudig begrüßt werden, — vielleicht sogar von den Polen selbst, wenn sie ihren eigenen Vorteil verstehen. Die unerläßliche Überleitung der Juden Polens in andere Berufe ist eine auL3erordentlich drängende und schwierige Aufgabe, zu der nicht