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Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-10 · Heft 3 (10.11.1916) · p. Seite 63

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 3 (10.11.1916)
Article
Wir und die Ostjuden
Date
1916-11-10
Page
Seite 63 (sequence 6)
Language
German
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63 Natürlich bedarf es bei allen Schritten, die von Außenstehenden unternommen werden, vielen Takts und großer Vorsicht, wenn nicht statt des Guten Schaden gestiftet werden soll. Zunächst schon deshalb, weil die Zukunft dunkel vor uns liegt und die Mehrzahl der östler sich mit Recht keinen Repressalien bei-immerhin doch nicht ganz unmöglichen Rückschlägen aussetzen darf. Wir haben zwar ein gutes Recht, sehr zu hoffen, daß den okkupierten Gebieten die Rückkehr unter die russische Knutenwirtschaft erspart bleiben wird, dürfen aber unsererseits nichts tun, was eine Gefährdung von Menschen bedeuten könnte, die ohnehin so viel erduldet haben. Schon aus diesem ganz äußerlichen Grunde muß erstens jede Germanisierungstendenz vermieden werden, die nur das ohnehin vorhandene Mißtrauen der Betroffenen stärken und keineswegs zum Ziele führen würde. Denn von den Juden Polens sprechen zwar weitaus die meisten, 06 %, das sogenannte „Jüdisch-Deutsch", den Jargon, den ihre Väter einst aus der mitteldeutschen Heimat mit sich nach Polen genommen haben, und ihre geistige Entwicklung ist demzufolge viel stärker durch die deutsche als durch die slawische Geisteswelt beeinflußt; aber die Gesamtkultur wurzelt eben doch im rein Jüdischen und weist einen durchaus eigenartigen Charakter auf. Es muß ihnen daher überlassen bleiben, selbst die Wege ihrer Kulturentwicklung zu finden1). Sie müssen gehen, wohin sie ihre eigenen Gefühle, die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse, kurz die natürlichen Verhältnisse drängen. Alle künstlichen Beeinflussungen würden sich als eitel erweisen"). Wir sind aber ferner wohl zu der Forderung berechtigt, daß auch jeder Druck von polnischer Seite unterbleibt, der auf eine gewaltsame Polonisierung abzielt. Es ist durchaus verständlich, wenn die polnische Mehrheit kulturelle Eroberungen unter den Minoritäten wünscht, die ihr Land bewohnen. Sind doch 24 % der Einwohner Kongreßpolens nichtpolnischer Nationalität und davon bilden wieder die Juden mit 15 % der Gesamtbevölkerung die Mehrheit. Die Polen mögen ihr Glück auf dem friedlichen Wege der Überredung und Überzeugung versuchen — gewaltsame Polonisierungsversuche etwa im Wege der Schulpolitik dürfen nicht geduldet werden! Wollen die Juden ihre Kinder freiwillig in polnische Schulen senden, so ist das ihre Sache; im übrigen aber haben sie ein gutes Recht darauf, ihre Kinder in der Muttersprache erziehen zu lassen, die eben in Polen der Jargon ist. Dabei kommt es wieder nicht darauf an, ob der Jargon bildungsfähig genug ist, um auch für die Mittelschule auszureichen. Das ist eine spätere Sorge, die uns nicht kümmert. Für den Unterricht in der Volksschule ist er jedenfalls das J) Selbst ein so weit rechts stehender Politiker wie Prof. Tu. Schicmann sagt in der Voss. Ztg. vom 24..Oktober 1910 (Morgenausgabe): „Wohl aber empfiehlt es sich, den jüdischen Primarschulen ihren Dialekt zu lassen, solange sie an ihm festhalten wollen. Jedenfalls ist es nicht Aufgabe der deutschen Okkupationsregierung, nach dieser Richtung hin Entscheidungen zu treffen, die gar nicht oder nur schwer rückgängig zu machen wären." 2j Eine vorzügliche Zusammenstellung des Materials über die sprachlichen Wünsche der Bevölkerung findet sich in der Broschüre „Deutsch, Polnisch oder Jiddisch?" von Germano-Judäus. Berlin, Schwetschke & Sohn, 1916.

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