Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 62 (sequence 5)
- Language
- German
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62 für das Erreichbare und jeder Wirklichkeitssinn, — auch das eine Folge langwährender Unmöglichkeit, irgendwie an der Selbstbestimmung des eigenen Schicksals mitzuarbeiten. Dazu kommt, daß Völker, von denen ein starker äußerer Druck genommen wird, anfangs leicht zu einem Radikalismus neigen, der sich als selbstverständliche Reaktion gegen den äußeren Druck in ihnen entwickeln muß. Endlich haben gerade die Juden des Ostens die große Schwierigkeit zu überwinden, alle Wehen der Emanzipation ohne Verlust derjenigen Kulturgüter zu überdauern, die bisher ihrem Leben Halt und Stütze gewesen sind. Die große Mehrzahl der Ostjuden ist heute streng religiös. Wird mit rauher Hand von außenher oder durch ungeschickte Schwärmer aus dem eigenen Lager dieses religiöse Empfinden allzu stark erschüttert, so steht die Menge vor der Gefahr, jeden Halt zu verlieren und zu verbrennen, was sie früher angebetet hat, anzubeten, was sie verbrannt hat. Selbst in «Westeuropa, wo doch der Emanzipationsgang ein sehr langsamer war und überdies die Kulturunterschiede zwischen den Juden und der Umgebung keine so große Bedeutung besaßen wie im slawischen Osten, hat der Beginn der Emanzipation zunächst völlig verwirrend auf die Geister gewirkt. Massentaufen und eine völlige Störung des Familienlebens waren in manchen Teilen Deutschlands so sehr an der Tagesordnung, daß Regierungsmaßnahmen dagegen getroffen werden mußten. Adelheid von Rappard schrieb damals ihrer Schwester: „Die Taufen in Berlin haben jetzt derart zugenommen, daß Pfuhl seine Schwimmanstalt zur Verfügung gestellt hat." Und die brandenburgische Verwaltung verbot zeitweise den Zuzug vom Lande, um den entsittlichenden Einflüssen der Städte vorzubeugen. Ähnliche Zustände dürfen sich drüben nicht entwickeln, und wir mit unserer größeren Erfahrung in derartigen Dingen müssen alle unsere Kräfte aufbieten, um den Entwickelungsgang zu einem für die Zukunft der Masse nützlichen zu gestalten. 2. Die Zukunft Nach dem Kriege werden in wirtschaftlicher Beziehung große Aufgaben an die westlichen Juden herantreten, so z. B. die Wanderungsfragen. Selbst die Möglichkeit einer größeren Wanderung jüdischer Massen nach dem Westen hat bereits zu der bekannten Grenzsperrendebatte geführt und gezeigt, daß unsere Antisemiten sicherlich alles tun werden, was in ihren Kräften steht, um Absperrungsmaßnahmen herbeizuführen. Nach dem Ergebnis der Debatte kann kein Zweifei darüber sein, daß jeder Jude von Würde und Ehrgefühl sich derartigen Plänen mit Energie widersetzen wird, aber wir wissen ja leider, daß unsere Wünsche nicht immer Beachtung finden. Wie dem aber auch sein möge, selbst wenn ein erheblicher Teil der Juden Polens zur Auswanderung gelangen sollte, so wird doch die übergroße Mehrzahl im Lande bleiben müssen, und es gilt für sie Lebensmöglichkeiten, neue Berufe zu schaffen. Denn heute kann ja ein großer Teil dieser armen „Luftmenschen" nicht leben und nicht sterben. Auch auf diesem Gebiete wird eine-Mitwirkung deutscher Juden nicht zu entbehren sein.