Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 61 (sequence 4)
- Language
- German
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61 deutschen Juden die doppelte Pflicht, der Entwicklung mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen und alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um dem jüdischen Elemönt drüben die Entwicklung seiner Eigenart und die Erhaltung der jüdischen Werte zu verbürgen. Das liegt nicht nur in unserem Interesse als deutsche Juden, sondern ebensosehr als jüdische Deutsche, die am allgemeinen Kulturfortschritt mitarbeiten wollen. Denn dieses heute so bedrückte und von vielen über die Achsel angesehene Volk ist von einem ungeheueren Bildungsdrang beseelt, und man kann wohl mit gutem Gewissen sagen, daß es kaum irgendeinen Volksstamm in der Welt gibt, der ähnlich leicht zu heben und der allgemeinen Kultur zuzuführen wäre. Bereits vor dem Kriege waren die Universitäten der westlichen Länder von Seharen lernbegieriger Jünglinge besucht, und wir sehen aus den Ghettos New Yorks, Baltimores und Chicagos unaufhörlich eine Menge von Intelligenzen hervorsprießen, die ihrem neuen Vaterlande auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie hervorragende Dienste leisten. Selbst unter den heutigen ungünstigen Verhältnissen bringen Rußland und Polen Männer in Masse hervor, die in ihren Heimatländern gesellschaftlich, künstlerisch und industriell eine wichtige Rolle spielen, und ihre Zahl würde noch ungleich größer sein, wenn nicht die unzähligen gesetzlichen Beschränkungen hindernd im Wege stünden. Wer das Judentum im Osten heben hilft, dient also nicht nur dem .Judentum, sondern er trägt auch zur Hebung der allgemeinen Menschheitskultur bei, die ja, wie wir leider sehen, auf keinen Mitarbeiter zu verzichten in der Lage ist. Hat doch dieser Krieg uns allen klar zur Erkenntnis bringen müssen, daß nicht ein plötzlicher Kulturzusammenbruch der Grund all der Schrecken gewesen ist, die wir schaudernd erleben, sondern der latente Mangel an Kultur, der im hochgepriesenen europäischen Westen stets vorhanden war. Ein Mangel, über den wir uns hinwegtäuschen ließen durch den Glauben an die allein seligmachende Kraft der Erfindungen und die Verbreitung einer Schulweisheit, die den Kern der Menschen nicht zu erfüllen vermochte. Man besitzt eben die großen Kulturförderer, die Geistesheroen seines Volkes noch nicht, wenn man sie gelesen hat. Selbst beim reichlichsten Verbrauch von Seife kann man ein größerer Barbar sein, als ein armer Jude im Osten, der die Ethik seiner mittelalterlichen Talmudlehre wahrhaft in sich aufgenommen hat. Wenn wir uns so mühen, das östliche Judentum zu verstehen und ihm zu entnehmen, was uns selbst fehlt, so haben wir ihm natürlich andererseits unendlich viel zu geben. Es ist ja so hilflos, in sich zerfahren und hat so wenig Möglichkeiten, sich den Wandlungen der Zeit, des politischen und wirtschaftlichen Lebens anzupassen, daß ihm Führer von außen her dringend notwendig sind. Das wird zwar von manchen Seiten, insbesondere von übereifrigen Schwärmern nationalistischer Richtung abgestritten, aber es genügt, einer Versammlung von intelligenten, sogenannten Führern der Ostjuden beizuwohnen, um zu sehen, wie sehr bei ihnen Ideologie und Verkennung aller Wirklichkeit vorherrschen. Den meisten von ihnen fehlt völlig der objektive Maßstab