Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 60 (sequence 3)
- Language
- German
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60 folgern des Sektenstifters „Baal Schern", der zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Wolhynien lehrte, hat zwar Wunderglauben und Abschließimg gegen weltliche Kulturneuerungen mit sich gebracht, ist aber doch auch nicht ohne erfreulichere Folgen geblieben. Dort ist tiefinnerliche Religiosität, jüdisches Wissen und Kenntnis vom Wesen des Judentums noch weit verbreitet und wird als ein selbstverständliches Erfordernis des in seiner Art Gebildeten betrachtet. Aus diesen Tatsachen und aus der chassidischen Tradition ergibt sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Gemeinbürgschaft, wie wir sie heute nur noch vom Hörensagen kennen. Auch bei den „Misnagdim", den nichtchassidischen Strenggläubigen, lebt ein weit stärkeres jüdisches Empfinden als bei den westlichen Juden. Das Familienleben hat sich, wenigstens bei der Mehrheit, viel inniger und jüdisch charakteristischer bewahrt, als das im Westen mit seiner zerstreuenden Außenwelt und der größerer Erziehung zu individueller Unabhängigkeit der Fall sein könnte. Wenn bei uns mehr und mehr der patriarchalische Charakter der jüdischen Familien verloren geht, so besteht er im Osten in fast unveränderter Weise fort. Vielfach ist behauptet worden, daß eine starke Demoralisation unter den östlichen Juden Platz gegriffen habe, und es wurde auf den 'Leichtsinn der Frauen hingewiesen, der sich oft in bedauerlicher Weise auf den Straßen der größeren Städte Polens bemerkbar macht. Leider ist es richtig, daß auch in den östlichen Ländern, wo man früher eine jüdische Dirne überhaupt nicht kannte, heute unerfreuliche Zustände im Entstehen begriffen sind. Man wird aber bei näherer Betrachtung zu der Einsicht gelangen, daß hier tatsächlich nur der Krieg und die große wirtschaftliche Not an den gerügten Zuständen schuld sind. Mit der Wiederkehr geordneter Zustände werden auch diese Auswüchse wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Vor allem wird dazu die jüdische Schule beitragen. Denn der Gegensatz zwischen der rein weltlichen Erziehung der Mädchen und der rein talmudischen Erziehung der Knaben hat vielfach eine Entfremdung zwischen den beiden Geschlechtern erzeugt, deren Überwindung eine der hauptsächlichsten Aufgaben einer verständigen und zielbewußten Erziehung bilden muß. Im allgemeinen bleibt jedenfalls die Tatsache bestehen, daß die jüdische Familie ihren Kindern drüben weit mehr an jüdischen Werten mit ins Leben zu geben vermag, als das heute im Westen der Fall ist — eine größere Anhänglichkeit an Glauben und Stamm und eine tiefere Erfüllung der Persönlichkeit mit jüdischem Empfinden. So bildet heute das östliche Judentum ein Reservoir jüdischer Kraft, aus dem die stärkeren Zersetzungsprozessen ausgesetzten jüdischen Gemeinden des Westens neue Kraft schöpfen könnten, wenn es gelänge, dieses östliche Judentum in seiner Eigenart zu erhalten und es doch zur Höhe westlicher Kultur emporzuheben. Ob das gelingen wird, hängt freilich von Umständen ab, auf die wir Juden selbst nur in beschränktem Maße Einfluß haben; vor allem von der endgültigen Gestaltung der Zukunft Polens und von den Rechten, die man der jüdischen Minorität in dem neuen Gemeinwesen verleihen wird. Aber gerade darum haben wir