Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wir und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 59 (sequence 2)
- Language
- German
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59 finden einer kompakten jüdischen Volksmasse mit ausgesprochener Eigenart in Tracht, Sprache und Lebensführung eine Entdeckung bedeutete. Eine Entdeckung, die um so widerstreitendere Gefühle auslöste, als sie mit einem Zustande gesteigerter Empfindungen für das schwer ringende Vaterland, seine Kultur und Volksgemeinschaft zusammenfiel. Es ist immer sehr schwer, in solchen Erregungszuständen andere Eigenart und Sitte zu verstehen und zu würdigen. Schwerer noch, das Verwandte herauszufühlen, zumal, wenn es im Kleide der Armut und Zurückgebliebenheit an uns herantritt. Kein Wunder, wenn viele Urteile über diese verelendete Menge und ihre durch die Verhältnisse bedingten Schwächen recht hart lauteten. Und doch war dieses Urteil ungerecht! Wir alle, die wir uns eingehend mit den Verhältnissen befaßten, haben die Mißstände des Ghettos gekannt und es hat gar keinen Sinn, sie zu leugnen. Aber wir haben stets gewußt, daß sie nicht auf ererbte oder angeborene Minderwertigkeit des jüdischen Stammes zurückzuführen waren — sonst hätten ja wir westlichen Juden an uns selbst verzweifeln müssen — sondern die Folge endloser Bedrückungen und gesetzlicher Beschränkungen darstellten. Lange Jahre hindurch hatten wir warnend unsere Stimme erhoben und auf den schnellen Niedergang der Millionen im Osten hingewiesen, die mit uns gleichen Blutes und Glaubens waren und ein Anrecht auf uns hatten, wenn sie auch politische Grenzen und eine eigengeartete Kultur von uns schieden. Immer wieder hatten wir darauf aufmerksam gemacht, daß unser eigenstes Interesse eine großzügige Hilfe erforderte; denn unsere Ehre verlangte, daß der jüdische Name nicht an einer infolge endlosen Jammers wirtschaftlich und moralisch zugrundegehenden Masse hafte. Leider verhallten damals unsere Worte ungehört. Nun sah man die Zustände in Polen einmal mit eigenen Augen, war überrascht und erschreckt und nur allzu geneigt, die arme .Menge haltbar zu machen für Sünden ihrer Verfolger, die eigenen Unterlassungssünden dagegen zu übersehen. Es muß aber einmal offen ausgesprochen werden: wir deutschen Juden sind nur durch die besseren Zustände, unter denen wir leben, in glücklicherer Lage als die Juden des Ostens und tragen dem Schicksal lediglich eine Dankesschuld ab, wenn wir uns unserer Pflichten gegen die Unglücklicheren wieder erinnern und daraus die notwendigen Folgerungen ziehen. Tatsächlich hat sich denn auch diese Überzeugung in weiten Kreisen durchgesetzt und vor allem haben viele unserer jüdischen Heeresangehörigen, die mit Ernst und Sorgfalt an das Studium der östlichen Judenfrage herangingen, ein warmes Interesse gewonnen, das eine gerechtere und liebevollere Kritik der Zustände drüben zur Folge hatte. In der Tat erkennt man heute mehr und mehr — und auch das war von zionistischer Seite schon früher stets betont worden —, daß in dieser nach jeder Richtung schwer gefährdeten jüdischen Masse jüdische und allgemein menschliche Kulturfaktoren in großer Zahl vorhanden sind, die nicht vernachlässigt und nach Möglichkeit nutzbar gemacht werden sollten. Die gänzliche Abhängigkeit der zu einem sehr großen Teile chassidischen Juden Polens von den sogenannten „Rebben14, den Nach-