Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 51 (sequence 2)
- Language
- German
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5t Und mit dieser geistigen Energie ist bei ihnen noch die religiöse Begeisterung verbunden. Die Verbindung besteht leider nicht mehr überall dort, aber sie ist bei vielen Tausenden noch vorhanden. Sie gibt dem Ausdruck der Intelligenz noch das Gepräge der sittlichen Hoheit. Erst neulich wieder las ich einen Bericht von christlicher Seite, in welchem nicht bloß der-Rembrandttypus, sondern ausdrücklich der des Heiligen an einem solchen Kopfe im polnischen Ghetto geschildert wurde. Wie könnte ich da Gefahr für unser Vaterland fürchten, wenn Juden solches Schlages von uns aufgenommen werden? Dennoch wäre die Begründung des Anspruchs, den meine Hoffnung erhebt, unvollständig, wenn ich es nicht ausdrücklich ausspräche, daß ich für die Stärkung und Hebung unseres deutschen Judentums selbst, es ersehne: daß uns wieder frisches Blut mit ursprünglicher Kraft zugeführt werde. Was nützt es, vorsichtig es zu verschweigen, daß wir einem unaufhörlichen Aderlaß unterworfen sind? Es hilft dagegen auch der Trost nicht, daß die Besten uns treu bleiben. Wir müssen Sorge tragen für die. Zukunft, die noch schwere Gefahren für unser religiöses Sonderdasein uns mehr als ahnen läßt. Ich habe die Schattenseiten des östlichen Judentums nicht beschönigt. Und ich habe für die polnischrussischen Juden das deutsche Judentum nach seinem geschichtlichen Ideal als Vorbild hingestellt. Um so unbefangener kann ich daher andererseits die Kraft und den Beistand anerkennen, den wir von dem Zufluß des östlichen Judentums erwarten dürfen. Diese Anerkennung beschränkt sich nun aber nicht etwa auf die große geistige Urwüchsigkeit, vermöge der diese Menschen in den Akademien aller Länder glänzen, sondern sie gründet sich auf das reine .Menschentum, welches das politische Martyrium in ihnen erhöht und verklärt hat. Es wird gewiß niemand hierzulande geben, der nicht einen polnischen Juden von einer inneren Vornehmheit bewundert hat, wie sie kein Menschenfreund unter uns in edlerer Gestalt erleben kann. Keine Form des Vorurteils gegen die Juden kränkt mich so tief, weil keines so sehr das reinste Menschentum beleidigt als die zur Schau getragene Verachtung dieser Menschen, welche die Kreuzträger des unseligen Judenhasses sind. Statt an ihnen, an ihren Schwächen und Gebrechen, an ihrem Schmutz und ihrem Elend den Seelenadel zu erkennen, zu erfühlen, der ihre Dulderkraft gestählt hat — diese Symbole der Ungerechtigkeit auf Erden noch zu schmähen, das vermag ich nicht zu begreifen. Das muß ich bekämpfen, als Deutscher, wie als Jude. Ich hoffe für mein Vaterland, ich hoffe für meine Religion, daß das alte, das klassische Land der Humanität, wenn anders die Logik unserer politischen Geschicke uns an solche Maßregel heranführen wird: daß es zu keiner Grenzsperre gegen die Juden des Ostens komme, sondern, daß sie in Anerkennung ihrer sittlichen Würdigkeit, wie ihrer hohen kulturellen Entwicklungsfähigkeit, in die Grenzen des Deutschen Reiches aufgenommen werden. Der ethische, der politische, der religiöse Gesichtspunkt vereinigen sich in dieser Hoffnung, von deren Erfüllung endlich auch reicher Gewinn zu erhoffen ist für den gesicherten lebensfähigen Fortbestand,