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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 50

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1916-10-25
Page
Seite 50 (sequence 1)
Language
German
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50 Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft 2. Grenzsperre Von Hermann Cohen Wenn ich über dieses politische Problem auch hier meine Ansicht, meinen Wunsch äußere, so bin ich mir bewußt, mich dabei streng auf meine Verantwortlichkeit als Deutscher zu prüfen. Und meine hiesigen Glaubensgenossen, welche anders als ich über diese Frage denken, suche ich aus diesem ihrem Eifer für ihre staatsbürgerliche Verantwortlichkeit heraus zu verstehen. Ich bin mir bewußt und ich mache kein Hehl daraus, daß es mein religiöser Standpunkt ist, der mich zur Ablehnung des Grenzschutzes gegen die Juden des Ostens nötigt. Und dieser mein religiöser Standpunkt ist zuvörderst mein ethischer. Denn die Menschheit ist mir das Ideal jedes Rechtsstaates. Kant sagt einmal: die Erde habe Kugelfläche, dies bedeute, daß ursprünglich niemand an einem Orte der Erde zu sein, mehr Recht hat als der andere. Der positive Staat muß von diesem Idealbilde des Weltstaates auch in seinen politischen Bedingnissen sich leiten lassen, Dieser ethische Grundgedanke entspricht dem Grundgedanken der jüdischen Gotteslehre. Der Einzige Gott „liebt den Fremdling". Aus dieser Liebe Gottes zum Fremdling ist das Gebot für Israel entstanden: den Fremdling zu lieben. Und aus diesem Gebot der Fremdlingsliebe ist überhaupt das Gebot der Menschenliebe, der Nächstenliebe hervorgegangen. Ethik und Religion vereinigen sich aber in der Schutzptlieht des Fremdlings, wenn er in seinem Lande bedrückt wird. Und vielleicht hat keine politische Maßregel England so hoch gehoben in der Meinung der Völker, wie sein Asylrecht, welches wohl niemals ohne Konflikte mit anderen Staaten geblieben ist. Es gehört nun zum großen Sinn dieses Krieges, daß jetzt auch unser deutsches Vaterland an dieser völkerrechtlichen Aufgabe seinen Anteil gewinnt. Schon in meinem Beitrag zu dem Buche „Vom inneren Frieden des deutschen Volkes" (Fr.Thimme) durfte ich diese Mission des deutschen Staates als eine Hoffnung aussprechen. Und so habe ich auch in anderen Gelegenheitsschriften in dieser großen, schweren Zeit für die Anerkennung meiner Glaubensgenossen des Ostens nach der Pflicht meiner wissenschaftlichen Stellung, meines Alters und meiner Erfahrung meine Stimme erhoben. Es ist eine lange Lebenserfahrung, die mich, den in Anhalt geborenen Deutschen, mit diesen Menschen des Ostens verbindet. Manchen dieser Männer habe ich als meinen Talmudlehrer verehrt, und nahezu - von allen trage ich eine dankbare Erinnerung im Herzen. Den Charakter eines weltfremden Weisen,. eines selbstlosen Dulders, eines reinen Idealisten des Geistes und der Sittlichkeit habe ich unter diesen Menschen kennen gelernt. Und mein ganzes Leben hindurch sind mir diese Menschen in geistiger Schärfe und Tiefe, wie in sittlicher Hoheit und selbstloser Weltverachtüng bewundernswert geblieben. Wie ist allein schon der eiserne Fleiß, mit dem diese Menschen dem Talmudstudium sich widmen, ein subjektives Muster für alle wissenschaftliche Arbeit.

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