Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 48 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Schwachen und Starken, ihrer Hoffnung und ihrer Verzweiflung ist sie ein Ganzes geworden, das nun den in ihr lebenden Juden wieder mitbildet. Und gerade wo eins ihrer Zentralprobleme, wie dieses Verhältnis von Bewußtsein und Sinnlichkeit vorliegt -— (am tiefsten und schönsten hat es Arnold Zweig in der Mitte seines Buches, in der Novelle „Die keusche Nacht" gestaltet, dieses mühsame Sichselbstüberlisten des Bewußtseins zu neuer Unschuld!), — gerade wo solche Probleme gestellt sind, da ist der besondere Anteil jüdischen Wesens nicht mehr auszusondern. Er steckt in der Mischung, aber niemand kann mehr sagen, wo und in welcher Stärke. Nur sehr scheinbar ist der Anteil des Jüdischen in Zweigs biblischer Tragödie deutlicher, Der Stoff des alten Testaments ist ja seit mehr als tausend Jahren gemeinsamer mythischer Besitz der abendländischen Völker. Und das geistige Ziel: die tragische Überwindung selbst des großartigsten Egoismus durch die Weltpflicht der Liebe, dies Ziel wollen wir uns doch hüten, für ein spezilisch jüdisches zu halten. Es. ist das Ziel, zu dem der Jude durch seine Religion kommen kann, (wenn er sie aus der Tiefe erlebt) und jeder Andersgläubige durch seinen anderen Glauben. „Denn was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden." Man kann freilich glauben, daß einem ^Nichtjuden die sehr-lebendige Einfühlung in diese frühmittelalterliche Kultur des orientalischen Volkes vielleicht minder gelungen wäre. Man kann das glauben, aber nicht beweisen. Dagegen kann man beweisen, daß liier (wie schon oben angedeutet) gerade der Einfluß moderner, deutscher, skandinavischer und anderer Dichter und Denker so stark ist, daß diese biblisch gewandete Diskussion des Freiheitsproblems vielleicht am allerwenigsten für Zweigs Judentum zeugen kann. Ganz anders steht es dann aber mit dem „Ritualmord in Ungarn". Nicht nur der Stoff im engsten Sinne entscheidet, nicht nur, daß die allmenschliche Leidenschaft des mißhandelten Rechts sich für einen Nichtjuden vielleicht nicht eben an diesem Stoff entzündet hätte (ein Franzose oder ein Deutscher von Emile Zolas großem Schlage hätte vielleicht doch dies auch getan). Aber es ist ganz offenbar, wie dieser Stoff hier den Literaten so mit der Wärme der eigenen Sache erfüllt hat, daß er zum Dichter wurde. Und wie die großen alten Mythen der jüdischen Religiosität ihn so erschütterten und zugleich beruhigten, daß er den feierlichen goldnen Rahmen um sein brennendes Bild zu . spannen vermochte, schützend, abschließend und durch das Ineinander von sakraler Geistigkeit und brennender Realität fast einen neuen Stil erschaffend. Der Anteil des Jüdischen an dieser großen Dichtung ist also sehr stark. Zugleich aber sei mit äußerster Stärke betont, daß es sich auch hier in keinem ästhetischen und kulturellen Sinne um eine „jüdische14, sondern um eine deutsche Dichtung handelt. Ein im deutschen Sprachgeiste gezeugtes und ausgetragenes Produkt wie dies, bei dem Zeile für Zeile Jahrhunderte deutschen Geisteslebens mitdichten, kann keiner andern als der deutschen Kultur zugerechnet werden. Man wird der Art eines Löwen, vielleicht mit der Zeit anmerken, ob er sich von Büffeln oder Antilopen nährt, — aber es wird immer