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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 47

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Arnold Zweig
Date
1916-10-25
Page
Seite 47 (sequence 4)
Language
German
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47 der Prophet und Pfefferkorn, der Jude, der ewige Apostat, die sich um das Schicksal des armen Knaben Moritz Scharf streiten, den die teuflische Dummheit eines Untersuchungsrichters zum falschen Zeugnis wider seine Nächsten preßt — und schließlich der strenge Akiba und der milde Baal Schern, die die Seele des Knaben richten, der seine Schuld im Selbstmord gesühnt hat. In der biblischen Erhabenheit dieser Begleitszenen glänzt, in der Gestaltung der eigentlichen Dramenszenen: am Fluß und im Dorf, im Gerichtssaal und auf der Straße, im Klub und in der Synagoge stürmt und wetterleuchtet eine Kraft, daß man an das größte dramatische Talent der Deutschen, an Georg Büchner, denken muß — an Büchner, der ein Shakespeare zur unrechten Zeit war und deshalb mit 28 Jahren sterben mußte. Was dies Werk so reich und groß, so fraglos künstlerisch macht, das ist, daß hier nun über alle literarische Kultur der Sturm einer Leidenschaft hingeht, ein einfaches menschliches Müssen, ein unerhörter Wille zur Gerechtigkeit, der schreien' muß. Und dies „brennende Recht" sitzt doch in einer so allseitig fühlenden Künstlerseele, daß nirgends die parteiische Schwarzweißzeichnung, nirgends die polemische Karikatur entsteht, sondern auch die Dummen, die Gemeinen, die bösartig Brutalen ihr mitgefühltes und mitfühlbares Leben erhalten — gehetztes Wild, arme dumpfe Sklaven ihrer geistlosen Notwendigkeit. Vielleicht ist seit Kleists „Hermannsschlacht" niemals so leidenschaftliche Parteinahme mit so tiefem künstlerischem Gefühl auch für den Feind Hand in Hand gegangen. Ein hinreißendes, ein in sich bedeutendes Werk: randvoll, von menschlichem Leben und Leiden, gestrafft von dramatischer Kampfkraft, gepackt mit szenischer Organisation, und trotz seiner äußeren Zersplitterung von so tief einheitlichem Zug, daß es in bereiteren Zeiten ein großer Regisseur ganz gewiß für die Bühne gewinnen wird. Dies also wäre bis jetzt das Wesentliche vom Werk des deutschen Dichters jüdischer Abkunft, Arnold Zweig. Was es der Sprache und dem Geist der deutschen Kultur alles verdankt, das ist ohne weiteres klar. Weder Goethe noch Kleist und Keller und nicht einmal Thomas Mann sind für den Schliff dieser Novellen entbehrlich gewesen, und ohne Goethe und Lenz, Kleist und Büchner und Hebbel wäre die lyrische Wucht dieser dramatischen Szenen niemals entstanden. Für uns liier aber ist die Frage besonders wichtig, inwieweit sind Zweigs Dichtungen ein j ü - di sc lies Werk. Was in ihnen muß durch die besondere Einwirkung jüdischen Blutes erklärt werden? Was die „Novellen um Claudia" betrifft, so ist diese Frage außerordentlich, schwer zu beantworten. Jene Welt der modernen Kultur, in der das Bewußtsein beständig mit der Unschuld der Sinne.ringt — ein Kampf, der bewußt den Inhalt und unbewußt die Form der Novellen bestimmt hat — jene Welt ist in nicht unerheblichem Maße von den westeuropäischen Juden, die in das Geistesleben ihrer Wirtsvölker eine von jahrtausendelanger Gotteswissenschaft gespanntes Bewußtsein einbrachten, mitgeschaffen worden. Diese Welt aber, die die Gaben von Spinoza und Mendelsohn, Rahel Varnhagen und Heine, Marx und Lassalle und hundert anderen gründlich in sich verarbeitet hat, ist eine nicht mehr lösbare Kultureinheit; mit all ihrem

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