Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 49 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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49 ein Löwe sein, und nie eine Antilope oder ein Büffel. Ererbtes, gefühltes und bewußtes Judentum hat sich hier für deutsche Dichtung fruchtbar bewiesen, nicht umgekehrt. Ich für mein Teil lehne deshalb jene zionistische Pointe, die Zweigs theoretische Meinung noch im allerletzten Augenblick in sein Kunstwerk hineinträgt, durchaus ab. In der lety.ten Szene der jüdischen Tragödie entscheidet der Baal Schern, daß der arme Verräterknabe Moritz Scharf im heiligen Lande als Bauer wieder geboren werden solle, weil der Jude nur dort zu einer reinen und wahren und fruchtbaren Natur kommen könne. Hinge dieser Schluß nicht so ganz äußerlich an dem umfangreichen Werke, so wäre er imstande, es künstlerisch schwer zu schädigen; denn hier würde statt eines immer und von allen zu teilenden Gefühls eine sehr persönliche Meinung zum Gegenstande der Dichtung gemacht — eine Meinung, die ich persönlich zum Beispiel nicht teile. Ich teile sie deshalb nicht, weil ich nicht glaube, daß die Natur dem Preis der Fruchtbarkeit, des Schöpferischen auf jene reinlichen Scheidungen gesetzt hat, die unsere armselige Vernunft am Lebendigen der immer äußerlich gemischten Völker und der innerlich noch viel gemischteren Individuen vorgenommen hat. Ich glaube vielmehr, daß allen bequemen Scheidungsbedürfnissen zum Trotz aus den irrationellsten Mischungen die reichste Frucht hervorgehen kann, und ich glaube, daß gerade Arnold Zweig das bewiesen hat, als er durch das leidenschaftliche Gefühl für alles was Jude in ihm ist, befähigt wurde, die Gesamtheit seines Wesens in einer großen und starken deutschen Dichtung auszudrücken. Todesnähe Von Börrles, Frclherrn von Münchhausen Juni-Abend, warm und feucht, Aus der Ferne lautes Lachen, - Durch Lebendige aufgescheucht Tote auferwachen. Einsam streif ich durch den Park An dem toten See vorüber, Was mein Herz an Klarheit barg, Wird auf einmal trüben Was noch eben froh und leicht, Wird auf einmal schwerer, frommer Und ich denke, daft vielleicht Dies mein letzter Sommer. * Juni-Abend, feucht und warm, Ach, ich mag nicht sterben gehen, Eh' ich meinen Reichtum arm, Meine Armut reich gesehen!