Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 46 (sequence 3)
- Language
- German
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46 merkbar ist, doch auch etwas Dilettantisches, wovon die sehr sicher zu ihrem eigentlichen Ziel gerichteten Erzählungen ganz frei sind. Zweig dramatisiert nämlich eine der schönsten Episoden der großen Davidsage, die Geschichte von dem reichen Grundherrn Nabal, der dem flüchtigen David und seiner Schar Hilfe verweigert — Abigail, seine Frau, aber bringt die gewünschte Speise, versöhnt die. Räuber . und wird nach Nabais jähem Tode Davids Frau. Über das von aller traditionellen Blässe befreite, mit lebhaftester historischer Fantasie ergriffene Milieu hinaus (das dem Dramatiker ja immer nur Hintergrund, nie Gegenstand des Bildes sein kann), vermochte uns Zweig hier nun eine Gestalt wichtig zu machen, den Nabal. Er hat die prachtvolle Vision eines wahrhaft großzügigen, eines fast erhabenen Egoisten, dem es mit der Freiheit seiner Seele so ernst ist, daß er sogar eine Königskrone, den verknechtenden Glanz des Herrschertums, abzuweisen vermag, — der aber schließlich doch dem Aufruhr der Natur (in Gestalt seines Weibes) erliegt, weil die Natur keine Abgeschlossenheit duldet und nur im liebevollen Miteinander der Geschöpfe bestehen kann. Diese echte und eigenartige Tragödie hat aber Zweig (und das scheint mir das Dilettantische) nicht rein in die Mitte des Werkes gesetzt. Er hat sich von einem sentimentalen Interesse für das einstweilen erschöpfte Problem der Freiheit nnd Selbstachtung suchenden Frau, die hier doch nur Mittel zum künstlerischen Zweck sein dürfte, fortreißen lassen; er hat ihr und ihrem Gegenspieler David, der wieder nichts als der Freiheit suchende Jüngling ist (ein ziemlich zahmer Karl Moor in den judäischen Wäldern), dem großen langen Mittelakt ausschließlich eingeräumt. So gewiß nun zwischen den beiden manches schöne und feine Wort fällt, so hat doch ihre Liebe nichts Wesentliches mit der Tragödie des Nabal zu tun, und Zweigs Kraft reicht auch keineswegs aus, die in Fülle auf uns einströmenden Erinnerungen an Judith und Monna Vanna, Nora und Mariamne abzuwehren. Wenn dann im Schlußakt die Gestalt des Nabal auch wieder bedeutend und ergreifend in den Vordergrund tritt, das Ganze ist nicht mehr zu retten. Und wenn man bei den Novellen noch streiten kann, ob es sich um ein Werk von selbständig dauerndem Wert handelt — daß diese Tragödie nur als Talentprobe Bedeutung hat, ist gewiß. Das dritte, wie mir scheint weitaus erheblichste, Werk Zweigs aber ist „Ritualmord in Ungarn^, Jüdische Tragödie in 5 Aufzügen (Hyperion Verlag, Berlin). Hier wird mit beinahe aktenmäßiger Treue der berüchtigte Ritualmordprozeß von Tizsa Eszlar aus dem Jahre 1882/83 dramatisiert. Aber die Flut der kleinen Szenen ist mit einer solchen Leidenschaft hingefegt und so überwältigend im Gefühl gestimmt, mit so zeitlos großer Leidenschaft getränkt, daß sich in voller stilistischer Harmonie um diese wild gewitternden Realismen ein Kranz von großen übersinnlichen Szenen „außerhalb des irdischen Raumes" und „außerhalb der irdischen Zeit" ziehen kann: der Herr, der dem Satan gestattet, die Lüge des Bluts über die Häupter Israels zu bringen, damit das Herz des Volkes aufs Neue in Läuterung erglühe, — der Chor der Teufel, der Dummheit und Bosheit über die Menschen hetzt, — Eliahu