Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 45 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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45 doch zu einer Romaneinheit zusammenschließen, und ein sehr aparter Inhalt, weil ganz fern von allem äußerlich Romanhaften nur das innere Zueinanderkommen, das Umeinanderringen zweier vornehmer und sehr selbstbewußter Seelen in einer jungen Ehe geschildert wird. Das Buch steckt voll der köstlichsten Feinheiten an sinnlicher tind seelischer Beobachtung und ist in der erlesenen Ruhe und Treffsicherheit seiner sprachlichen Prägung ganz ohne Frage eine bedeutende Talentprobe. Es ist sehr gut geschrieben — nur wie mir scheint, etwas zu gut. Mit unablässig arbeitenden und unablässig spürbarem Bewustsein schafft Zweig aus jedem Schritt seiner Worte eine aparte psychologische Nuance, einen lyrischen Stimmungston von besonderer Feinheit heraus. Er überanstrengt sich und uns, und der freie Gang epischen Mitlebens, die beglückende Illusion des unbewußten Mitgehens mit dem Dichter will sich deshalb nur schwer einstellen. Wie bei jedem Kunstwerk, so ist auch hier alles innen was außen ist: sowie der Dichter jeden Schritt der Erzählung mit so viel raffiniertem Gehalt belädt, daß unser freies Mitgefühl nicht vom Fleck kommt, so stammen auch seine Gestalten aus einer Luxuswelt, die es zwar gibt, die aber entschieden für das eigentliche (auf Wirkung gestellte!) Menschenleben nicht repräsentativ ist. Und deshalb haben alle Figuren ganz unnormal viel Zeit, ihre Seele und ihre intimsten Regungen zu pflegen und mit angespanntem Bewußtsein zu kontrollieren. Fast alle Novellen beginnen mit irgendeinem künstlerischen Eindruck und gehen durch angespannteste Selbstbetrachtung vorwärts; die epischen Erfindungen und wirklichen Erlebnisse, die jedesmal den Kern abgeben sollen, wirken deshalb mehr wie Beispiele für ein psychologisches Exempel denn wie lebendige Beweggründe. Die Wirkung verschiebt sich dadurch in etwas unkünstlerischer Weise vom fühlenden Erleben aufs prüfende Begreifen. Mit diesem, Widerstreit von Bewußtsein und künstlerischer Hingerissenheit hängt es nun aber wieder zusammen, wenn in jeder dieser Novellen zunächst ein Ideal vornehm kultivierter Haltung, gemessener sich abschließender Selbstbeherrschung aufgestellt wird, und regelmäßig eine höchst leidenschaftliche Explosion, irgendein durchaus schamloser Bekenntnisakt dies Ideal dementiert. In diesem immer neuen Aufgeben einer immer wieder eingenommenen Haltung lauert sogar eine leichte Gefahr des Komischen. Aber andererseits wird man sich sagen müssen, daß dieser jugendliche Bekenntnisdrang, der bei. Zweig wie bei seinen Gestalten die etwas altkluge und literatenhafte Gebärde weiser Selbstbeherrschung stets über den Haufen wirft, vielleicht des Dichters bestes und zukunftskräftigstes Teil ist. Im ganzen also ein literarisch etwas zu kultiviertes und bei allen sprachlichen und seelischen Schönheiten nicht unbedingt erfreuliches Buch; aber jedenfalls eine sehr feine Lektüre und im zweifellosen Ernst seines Wollens vielleicht der Anfang zu Wichtigerem. Das zweite, aber seiner Entstehung nach offenbar ältere Buch von Arnold Zweig ist eine Tragödie in drei Akten „Abigail und Nabal". Sie ist früher entstanden, und sie muß es sein, denn auf der Minusseite dieses doch auch nicht unbeträchtlichen Werkes stellt außer der Oberspannung des Literarischen, die hier wie in den Novellen