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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 43

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Die Zerstörung der Legendenbildung
Date
1916-10-25
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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43 kein Gewicht für die Deutschen habe. Sie ist ebenso unsittlich, wie die Lehren des wilden Sioux, der seine letzten Bissen mit einem verhungernden Sioux teilen, aber den Skalp eines verhungernden Apachen nehmen würde." Die wilden Sioux, vor vier Jahren noch der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen, sind heute gut genug, den barbarischen Deutschen niederzuringen und womöglich als Inbegriff englischer Moral den Deutschen als Vorbild entgegengesetzt zu werden. Kann sich die Weltmoral in vier Jahren auf den Kopf stellen? Gibt es eine Sittlichkeit für das Jahr des Heils 1913, und eine entgegengesetzte für das Jahr des Unheils 1914? Kann im Herbst 1916 alles falsch sein, was im Herbst 1914 als hehre Wahrheit ausgegeben wurde? Der Brief Herbert Samuels, von dem ich soeben sprach, schloß nämlich mit folgenden Worten: „Die britischen Staatsmänner und das britische Volk wissen sehr wohl, daß ein bewaffneter Konflikt zwischen jenen zwei Nationen, die zwischen den Hauptpionieren der Zivilisation stehen, welche in der vordersten Front der aufwärtsstrebenden Menschheit marschieren, das größte Unglück darstellte, sowie daß jene, die ihn verursachten, tausendfach verbrecherischer handelten, als irgendein Mörder, der -seinen Nachbar auf der Straße niederstäche." Wenn Herbert Samuel von den jetzigen Fieberphantasien genesen sein und seinen Brief an mich noch einmal nachlesen wird, dann muß ihm daß Bewußtsein empordämmern, auf welcher Seite die Sioux und Apachen und dem Mörder steht, „der seinen Nachbar auf der Straße niedersticht". Drei nationalen Legenden Englands hat dieser Weltkrieg endgültig den Garaus gemacht. Die magna Charta libertatum, die heute die Maske der „Befreiung der kleinen Nationen" angenommen hat, hängt jetzt neben der irischen Freiheit und dem Haupte Rir Roger Casements am Galgen. Die „Habeas-Corpus-Akte", die jedem Engländer unbedingte persönliche Freiheit zubilligt, sitzt mit dem tapferen und charaktervollen Norman Angell im Zuchthaus, in welches man diesen Märtyrer seiner Überzeugung auf 18 Monate eingesperrt hat, um ihn für die Friedensbewegung in England unschädlich, zu machen. Das Asylrecht endlich, das die Türken im Jahre 1849 noch Franz Kossuth in einem Grade gewährleisteten, daß sie bereit waren, für die Behauptung ihres Asylrechts zu seinen Gunsten in den Krieg zu ziehen, wandert jetzt durch eine Verordnung Herbert Samuels auf administrativem Wege nach Sibirien —- ins Land der Knutokratie. Neben diesen drei nationalen Legenden Englands sind drei andere internationale in den letzten zwei Jahren wie vom Sturmwind hinweggefegt worden. Die „rote Internationale" steht nur noch auf dem Papier. Der überwiegende Teil der Sozialistenaller Länder haben in Not und Tod ihr vaterländisches Herz entdeckt. Die schwarze Internationale hat sich als haltloses Schreckgespenst erwiesen, denn die Katholiken aller Länder geben an Vaterlandsliebe in keinem Lande einer anderen Konfession nach. Aber auch die „goldene Internationale", wie man die angebliche Gemeinbürgschaft aller Juden des Erdenrunds bespöttelte, erweist sich angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit als

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