Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Die Zerstörung der Legendenbildung
Date
1916-10-25
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908693-2908921--0088-2908957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

44 leeres Hirngespinst. Herbert Samuel, der strenggläubige Jude, der seinen Glaubensgenossen das englische Asylrecht verweigert und ihnen den russischen Absolutismus aufnötigt, hat dieser dritten Legende allen Boden entzogen. Daran ändert die Tatsache nichts, daß Samuel inzwischen eine mildere Fassung vorgeschlagen hat. Sein Wille zur Aufhebung des englischen Asylrechts steht unleugbar fest. Staatsgefühl und Nationalgefühl stehen heute allüberall höher als Religionsgefühl oder Rassengefühl. Diese drei Legenden gehören also in die Rumpelkammer verschlissener, fadenscheinig gewordener. Vorurteile. Nicht seelische Gebilde, sondern wirtschaftliche Machtfragen sind die tiefsten Beweggründe dieses Weltkrieges. Die edelsten Blüten der Menschlichkeit zerflattern dabei in alle Winde. Es ist eine bittere Ironie des Geschicks, daß ein Jude, der das Asylrecht am höchsten unter allen menschlichen Werten schützen müßte, gerade in England zu seinem Totengräber wurde. Arnold Zweig Von Julius B a b Unter den jungen deutschen Dichtern, die in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken begannen, hob sich einer besonders ab, der nicht nur tatsächlich, sondern auch bewußt und betont ein Jude war. Dieser junge Dichter (zurzeit auch Soldat) ist Arnold Zweig. Es geht nicht an, unter bloßer Berufung auf die Tatsache seiner jüdischen Geburt diesen Künstler und seine Gaben hier nun so rein literarisch zu würdigen, wie dies an anderer Stelle geschehen mag. Es muß sich hier für uns darum handeln, ob und wie weit und in welcher Bedeutung bei Arnold Zweig spezifisch jüdische Kräfte sichtbar werden und wie weit das Werk, an dem sie arbeiten, ein jüdisches Werk genannt werden kann. Aber gerade, weil das das Ziel unserer Betrachtung sein soll, müssen wir uns hüten, es zum Anfang zu machen und den reinen Eindruck, der uns über den etwa jüdischen Gehalt der Werke belehren soll, durch eine von vornherein einseitig eingestellte Betrachtung zu gefährden. Es sei also das bisherige Werk Arnold Zweigs zunächst einmal ganz unbekümmert um seine Beziehung zum Jüdischen betrachtet. Von Zweig sind außer mancherlei noch ungesammelten Essays und Erzählungen bisher drei Bücher erschienen. Diese wollen wir unserer Betrachtung zugrunde legen. Die größte Anerkennung hat dem jungen, - übrigens unlängst mit dem Kleistpreis ausgezeichneten Dichter, bisher sein Band „Die Novellen um C1 audia" gebracht, der bereits in dritter Auflage im Verlage Kurt Wolif erschienen ist. Eine sehr besondere Form: bald mehr, bald weniger selbständig pointierte Novellen, die sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.