Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Die Zerstörung der Legendenbildung
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 semiten in Antisemiten gewandelt haben, sich hätte behaupten können, selbst wenn auch nur ein Fünkchen'Wahrheit daran gewesen wäre. Unter den Juden aller Länder befinden sich, wie sich das von selbst versteht, sogar Übereiferer, wie dies heute vom Vierverband gegen die Deutschen in Umlauf gesetzt wird, daß sie nämlich die Welthegemonie an sich reißen möchten. Der gegenwärtige englisohe Minister des Innern, Herbert Samuel z, B., früherer General-Postmeister und Nachfolger Churchills als Kanzler des Herzogtums Laneaster, . ist ein solcher Übereiferer; er ist von jener englischen Krankheit akut heimgesucht worden, die kriegspsychotische Formen angenommen hat. Kurz vor Kriegsausbruch war er noch selber das Stichblatt gehässiger und skrupelloser Angriffe des Pariser „Matinw, so daß er eine Ehrenbeleidigungsklage hat einreichen müssen, die zu einer Verurteilung des „Matin" wegen Verleumdung geführt hat. Der einstmals Verfolgte spielt sich nun unter der Einwirkung der englischen Kriegsneurose selbst als Verfolger auf, und zwar gegen seine eigenen Glaubensgenossen. Samuel hat das Ministerium des Innern übernommen, weil sein Vorgänger Simon sich geweigert hat, die Asquithsche Wehrvorlage mitzumachen. Der im 45. Lebensjahr stehende Innenminister, ein glaubensstarker und gesetzestreuer Jude, der einer der angesehensten jüdischen Familien, den Montagus, angehört, war früher ein eifriger Friedensfreund und ausgesprochener Liberaler, wie er dies in seinem Werke „Grundsätze und Ziele des Liberalismus" dargetan hat. Vor kurzem aber hat er einen Vorschlag unterbreitet, nach welchem die russisch-jüdischen politischen Flüchtlinge in England vor die Alternative gestellt werden sollen: entweder in die englische Armee einzutreten, oder an Rußland ausgeliefert zu werden. Eine schallende Ohrfeige ist Herbert Samuel im Oberhaus von dem gut christlichen Lord Loreburn erteilt worden, die ihn mit brennender Scham erfüllen mußte. Der edle Lord peitschte ihm nämlich die Worte ins Gesicht: „Wenn ich ein Jude wäre oder auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in mir hätte, ließe ich mir lieber die Hand abschneiden, als das zu tun, was Mr. Samuel getan hat, nämlich den Leuten zu sagen: Wenn ihr nicht in der englischen Armee dienen wollt, werden wir euch nach Rußland zurückschicken." Dieser elementare Entrüstungsausbruch eines vornehm denkenden Christen über einen unvornehm handelnden Juden hat lebhaften Widerhall geweckt und besonders die Millionenschar russisch-jüdischer Flüchtlinge in Amerika auf die Gefahr hingewiesen, der sie selbst ausgesetzt sind, wenn das Asylrecht selbst in England, der ehemaligen Zufluchtstätte aller politisch Verfolgten, skrupellos mit Füßen getreten wird. Die Geistesbeschaffenheit Herbert Samuels hat in vier Jahren große Wandlungen erfahren. Im Herbst 1912 schrieb mir der damalige Postminister: „Die Auffassung, daß ein Staat keine anderen Pflichten als die gegen seine eigenen Mitglieder habe, wird jetzt als eine durchaus unsittliche erkannt. Völlig unsittlich ist die Lehre, daß die Wohlfahrt jener Menschengeschöpfe, die Deutsche genannt werden, jene nichts angehen, die Engländer heißen, und daß die Wohlfahrt der Engländer