Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Zur Nationalitätenfrage in Polen
Date
1916-10-25
Page
Seite 38 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908693-2908919--0078-2908951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

30 stehenden Staatsbürgern die Wahl ihrer Vertrauensmänner zu sichern. Sofern man ein. Klassenwahlrecht belieben sollte — was nicht zu befürworten ist —, müßte das wenigstens derart geschehen, daß ähnlich wie beim preußischen Gemeindewahlrecht jede Wählerklasse ihre eigenen Abgeordneten wählt und nicht wie beim preußischen Landtagswahlrecht die unterste Klasse majorisiert werden kann. Jedes Wahlrecht, das nicht jeder größeren Anzahl gleichgesinnter Wähler eine angemessene Vertretung sichert, ist schlecht. Und es verfehlt vollends seine Aufgabe dann, wenn es nicht die bessersituierten Volksschichten nötigt, weitgehende Rücksicht auf die Bedürfnisse und Wünsche der unteren Klassen zu nehmen. Für die innere Festigkeit des neu zu bildenden Staatswesens ist es aber von höchster Bedeutung, ein Wahlrecht zu gewähren, das allen Volkskreisen und allen Nationalitäten eine angemessene Vertretung sichert. Wenn in Österreich das System der nationalen Wahlkataster nicht die erhoffte Beilegung der nationalen Zwistigkeiten gebracht hat, so lag das einmal daran, daß dort der Nationalitätenhader bereits zu tief gefressen war. Hatte man doch dort länger als ein halbes Jahrhundert Wahlkreiswahlkämpfe der verschiedenen Nationalitäten gegeneinander ausgefochten, die den Zwist unter ihnen vertieft und verschärft hatten. Sodann aber daran, daß dort jede Nationalität auf Kosten der anderen oder der Gemeinsamkeit ihre nationalen Sonderziele fördern will. Deshalb ist es notwendig, diese Ausgaben im wesentlichen den Nationsgemeinschaften aufzubürden. In Westrußland sind die Gegensätze der Nationalitäten von den Russen gezüchtet und künstlich genährt worden. Aber schließlich ist der stärkste Gegensatz doch der gegen die russischen Bedrücker und dieser dürfte auch daher das stärkste einigende Band für die verschiedenen Stämme des neu zu bildenden Reiches werden. Bis auf die Juden, die in allen Teilen des besetzten Gebietes — und zwar meist in den Städten vertreten sind — und bis auf die Deutschen gruppieren sich die andern Nationalitäten mehr regional. Die Ruthenen bilden die große Mehrheit im Kreise Cholm und in Wolhynien, die Weißrussen im östlichen Teile des Gouvernements Wilna, die Litauer in den Gouvernements Suwalki, Kowno und im westlichen Teile des Gouvernements Wilna, die Letten im Gouvernement Grodno und in Kurland, Die Stadt Wilna selbst ist je zur Hälfte polnisch und jüdisch. Wird aus all diesen Teilen mit dem eigentlichen Polen ein gemeinsames Reich gebildet, so wird es nicht zu umgehen sein, diesen eine ziemlich weitgehende Selbstverwaltung zu gewähren, die sich an die ethnographischen Verhältnisse tunlichst anzupassen haben würde, alsö Suwalki mit Kowno und dem litauischen Teil Grodnos zu einer litauischen Provinz, Cholm mit den anzugliedernden Teilen Wolhyniens und von Minsk zu einer ruthenisehen und Kurland als solches zu belassen. Ob diese sich auf die Aufgaben der preußischen Provinzialverwaltung beschränken oder mehr sich der der österreichischen Länderbildung oder gar der der deutschen Gliedstaaten nähern soll, ist schwer zu entscheiden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.