Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 33 (sequence 5)
- Language
- German
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33 .alter ein Sprachwechsel vollzog. Man kann aber deshalb nicht sagen, -daß die Juden durch Annahme der deutschen Sprache ihre eigene gänzlich verloren hätten. Diese blieb bestehen, wenn auch mit abgeschwächter Lebendigkeit. Vor allem behauptete sie im religiösen Leben ihre Stellung. Hebräisch lesen und zum Teil auch schreiben lernte die Mehrzahl der männlichen Juden. Man wird auch heute noch nicht sagen, können, daß das Judentum die Sprache seiner Kultur ganz verloren habe. Wenn heute auch Deutsch die Muttersprache der Juden ist, so blieb doch für sie im gewissen Sinne Hebräisch die Sprache der Väter. Die Zahl der Juden, die die alte Literatur ihres Volkes in der Ursprache lesen kann, ist nicht gering. Kraftvoll lebendig ist in jedem Juden seine Literatur und Geschichte, auch wenn er sie nur durch die Sprache der Mutter kennen gelernt hat. Und tief wurzeln in seinem Herzen die alten Sitten und Gebräuche, die ihm von seinen Vätern »überliefert worden sind. Man kann nun fragen, welch einen Sinn die Pflege der nationalkulturellen Eigenart eigentlich hat. Wer im Nationalkulturellen eine die Persönlichkeit steigernde Kraft sieht, wird in der nationalkulturellen Wirksamkeit des Judentums zunächst für jeden einzelnen einen idealen Gewinn sehen. Ein Verzicht der Judenheit auf nationalkulturelle Wirksamkeit müßte sogar zu einem Verlust der Menschheit führen. Denn -wer anerkennt, daß wie seine eigene, so auch alle anderen Nationen •berufen sind, durch eigenartige Leistungen ihrer spezifisch nationalen Begabung die Kultur der Menschheit fortzuentwickeln, könnte nur mit schmerzlichem Bedauern ein völliges nationalkulturelles Aufgehen eines begabten Volkes in anderen Völkern beobachten, weil der Untergang jeder kulturellen Nation notwendigerweise auf eine Verarmung der Kulturmenschheit hinauslaufen müßte. Das gilt auch für Kulturvölker, •die wie die Juden zerstreut inmitten anderer Völker leben, sofern sie sieh ihre eigene Geistigkeit zu erhalten gewußt haben. Auch bei einem vollen und rückhaltlosen Anschluß an die Völker, unter denen die Juden leben, und bei starker Anteilnahme an der Kultur des Landes, das ihr Vaterland ist und mit dessen Wohl und Wehe sie sich untrennbar verbunden fühlen, ist die Pflege ihrer geistigen Eigenart und der ihrem Volkstum eigentümlichen national-kulturellen Ideale sehr gut möglich. Was Deutsehland anbetrifft, so kann man vielleicht sogar sagen, daß -erst mit der bewußten nationalkulturellen Verselbständigung des Judentums sich ihr Verhältnis zum Deutschtum wahr und aufrichtig gestalten wird. Deutsehland ist kein Nationalitätsstaat und braucht es auch nicht 3U werden. Als lebenskräftige Rechts- und Wirtschaftsgemeinschaft führt es gewissermaßen ein übernationales Dasein, das ihm gestattet, den nationalen Minderheiten freie Bahn für nationalkulturelle Entwicklung zu geben. Das Judentum zumal bleibt durch starke Bande auch dann mit <Iem Deutschtum verbunden, wenn es seine eigene nationale Kultur pflegt und fördert. Der Anspruch des Judentums auf nationalkulturelle Wirksamkeit kann daher von jedem Deutschen auch außerhalb des Religiösen als berechtigt anerkannt werden. Seine eigenartige Geistigkeit etwa zu verbergen, dazu hat das Judentum, das der Menschheit