Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
Date
1916-10-25
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908693-2908918--0070-2908945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

32 was ihn geistig von der übrigen deutschen Bevölkerung noch trennen konnte. Was also sollte ihn veranlassen, eine Eigenart zu pflegen, die ihm nicht mehr berechtigt schien und die er vielleicht garnioht mehr besaß? Die richtige Antwort auf diese Frage des Zweifels an seiner nationalkulturcllen Eigenart mußte jedem denkenden Juden der Kirchhof seines Volkes geben. Von den Grabmalen herab sprach zu ihm der Geist seiner Väter. Ihre Inschriften lehrten ihn, daß er der Erbe einer alten Kultur war, geistesmächtig wie kaum eine zuvor gewesen, einer Kultur, von deren Geistesschätzen die Menschheit noch heute zehrt, und die lebendig zu erhalten, doch gerade seine Mission war. Mochte sein Geistesleben noch so tiefe Wurzeln im Deutschtum geschlagen haben, ein Blick auf die Gräber seiner Väter rief ihm die Wahrheit in die Erinnerung zurück, daß da, wo die Geschichte des Deutschtums in Dunkelheit versinkt, für die Judenheit das Licht der Geschichte erst hell zu leuchten beginnt, daß seine Väter schon mit einer alten, getestigten Kultur ins Land zogen, die sie auch hier nicht losließ und von der sie sich nicht mehr losmachen konnten. Und einige Selbstbesinnimg mußte ihm sagen, daß trotz der Gemeinsamkeit von Sprache, Vaterland und Wirtschaft es doch etwas gab, das eine Eigenart gegenüber dem Deutschtum begründete, jene alte Kultur nämlich, die seine Väter in das nordische Land gebracht hatten, in deren Geist er halb unbewußt aufgewachsen, in der er mit seinem ganzen Sein wurzelte und die seinem geistigen Dasein die Lebenssäfte zuführte. Gewiß konnte er sich von ihr befreien, aber doch nur, um als national und kulturell Entwurzelter ein geistig gebrochenes Dasein zu führen. Aus jener alten Kultur der Judenheit stammte, das wurde ihm plötzlich klar, seine eigenartige Geistigkeit. Sie war das unzerreißbare Band, das ihn mit seinen Volksgenossen verband, mit allen Generationen, den toten und lebenden. Mit allen Merkmalen einer in sich gefestigten Kultur von höchster geistiger Eigenart trat das Judentum in das Licht der Geschichte. Wie die anderen Völker Vorderasiens war auch das jüdische Volk in erster Linie ein historisches Gebilde, dem die Rasseneinheitabging. Höhere Kultur scheint des Zusammenflusses verwandter Rassen zu bedürfen. Als historisches Gebilde war die Judenheit in den Besitz einer eigenartigen Geistigkeit gelangt, die ihr eigentliches Wesen ausmachte und sich in Sprache, Literatur und Wirtschaft manifestierte. Ihr entsprang auch die kolonisatorische Energie, die das Judentum über den ganzen Erdball verbreitete, obwohl es zu den kleinsten Völkern des Orients gehörte. Ist nun aber das, worin jüdische Geistigkeit sich manifestiert, heute noch vorhanden? Ich glaube die Frage bejahen zu können. Für die ungebrochene kolonisatorische Energie scheint mir der Zionismus Zeugnis abzulegen, der sich keine geringere Aufgabe gestellt hat, als dem Judentum im Land seiner Väter wieder einen festen, in der heimischen Scholle wurzelnden Körper zu geben. Gegen die besondere Geistigkeit des Judentums scheint freilich die Tatsache zu sprechen, daß sich bei den deutschen Juden im Mittel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.