Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 34 (sequence 6)
- Language
- German
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34 so viele geistige Güter geschenkt hat, von allen Völkern wohl am wenigsten Ursache. Wie es seine nationale Eigenart pflegen und fördern will, ist seine eigene Sache. Noch gehen darüber die Ansichten im Judentum selbst weit auseinander. Welche Lösung aber auch immer die neuzeitliche Judenfrage finden mag, das eine ist auch für den Außenstehender* unverkennbar, daß wirklich Neues im Werden ist. Zu neuen Ufern lockt: ein neuer Tag. Zur Nationalitätenfrage in Polen Von Georg G o t h e i n , M. d. R. (Schluß) Sollen die einzelnen Nationalitäten im polnischen Nationalitätenstaat zu ihrem Recht kommen, so gilt es sie zur Pflege ihrer Kulturgüter wie zur politischen Betätigung zusammenzufassen, wie das seit uralter Zeit mit den Deutschen in Siebenbürgen in der „Nationsuniversität44 der Fall ist. Dieser liegt zunächst die Unterhaltung des Schulwesens ob, des niederen wie des höheren. Damit ist jede Nationalität vor der Vergewaltigung durch die stärkere oder herrschende in der Schule geschützt. Bei der großen Bildungsrückständigkeit weiter Volksteile in den besetzten Gebieten wird, man sich aber nicht auf den Wetteifer verlassen können, daß jede Nationalität das Beste im Bildungswesen zu leisten bestrebt sein werde. Es wird vielmehr unerläßlich sein, daß die Zentralgewalt Mindestanforderungen an die Leistungen der Schulen stellt — auch der höheren, sofern deren Prüfungen die Berechtigung zur Bekleidung von Ämtern oder zur Ausübung des ärztlichen Berufs, sowie zum Ergreifen des betreffenden Studiums gewähren. Man wird sich freilich nicht verhehlen dürfen, daß man mit den Anforderungen an die Schulen unterster Ordnung zunächst sehr bescheiden sein muß. Schon aus dem einfachen Grund, weil es nicht möglich ist, sofort die benötigten Klassenräume und Lehrmittel — geschweige die geeigneten Lehrkräfte — zu beschaffen. Die furchtbaren Sünden der russischen Verwaltung gerade auf diesem Gebiet, wo ihre Tätigkeit eigentlich nur eine hindernde, nie eine fördernde war, lassen sich nur im Laufe langer Jahrzehnte wieder gutmachen. Gilt es doch den Lehrerstand erst zu schaffen; und fehlt es doch auch völlig an Anstalten, um diesen heranzubilden. Gewiß hat die Eröffnung der Universität Warschau gezeigt, welch großer Bildungshunger in der polnischen Intelligenz besteht. Aber die wenigsten der dortigen Hörer werden nach abgelegter Prüfung bereit sein, als Volksschullehrer in den abgelegenen und verwahrlosten polnischen Dörfern und Städten zu