Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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31 in das kulturlose slavische Land, die einen als Handels-, die andern als Ackerbaukolonisten. Wer von beiden voranging, steht nicht fest. Wahrscheinlich folgte der deutsche Bauer den Wegen, die der jüdische Händler erkundet hatte. Auf slavischem Boden erwuchs durch Verschmelzung mit der dünnen slavischen Urbevölkerung das größere Deutschland, das sich jetzt schon zwei Jahre in einem heldenhaften Kampf gegen eine Welt von Feinden behauptet, In seinem Innern barg es von Anbeginn das jüdische Element. Als Trager einer älteren Kultur anfänglich mehr gebend, später von der neu emporgewachsenen deutschen Kultur auch empfangend, wurden die jüdischen Kolonisten ein zum Ganzen gehörender Teil der deutschen Staats- und Wirtschaftsgemeinschaft. Wie viele andere nichtdeutsche Stämme nahmen auch sie die deutsche Sprache an; als Träger einer älteren und ursprünglich auch höheren Kultur als der deutschen, war es aber unmöglich, daß sie ihre nationalkulturelle Eigenart, die zudem noch religiös besonders fest verankert war, verlieren konnten. Auf slavischem Boden, inmitten einer germanisierten Bevölkerung, blieben die jüdischen Kolonisten ihren nationalkulturellen Gebräuchen treu bis der Sturm der großen Revolution' über den Kontinent brauste und den alten Baum der Judenheit nicht nur von dem befreite, was in seinem Geäst morsch geworden war, sondern ihn ganz zu entwurzeln drohte. Die Entscheidung, die heute das deutsche Judentum zu treffen hat, seheint mir nun die zu sein, ob es seine nationalkulturelle Eigenart preisgeben oder als kostbares Erbteil der Vergangenheit sie sich bewußt und vorwärtsstrebend erhalten will. Darin sehe ich als Nichtjude den eigentlichen Kern der neuzeitlichen Judenfrage. Daß diese ganz neue Seite der Judenfrage erst in einer Zeit hervortreten konnte, wo es eine religiöse Feindschaft gegen das Judentum in Deutschland eigentlich nicht mehr gibt, und der Jude im Grunde nur noch mit dem gesellschaftlichen Antisemitismus zu rechnen hat, ist gewiß kein Zufall. Erst von dem Moment an, wo der Jude in bezug auf Religion und Recht in seinem Vaterlande allen anderen Staatsbürgern gleichgestellt war, konnte er sich auf seine nationalkulturelle Eigenart besinnen. In dem Maße, als bei der jüdischen Bevölkerung Deutschlands die religiöse Gebundenheit sich lockerte oder ganz aufhörte, mußte sich der Jude .sagen, daß es nicht mehr die Religion sei, die ihm eine Sonderstellung in der deutschsprechenden Bevölkerung gab, Was war es nun aber, was seine Eigenart bestimmte? Da lag das deutsche Land vor ihm, in das seine Vorfahren eingedrungen, als es fast noch eine Wildnis war, und das ihm als Heimat nicht weniger teuer war als allen anderen Bewohnern. Da war die deutsche Sprache, an der er mit zäher und inniger Liebe hing, selbst wenn das Schicksal ihn in fremdes Land verschlug. Da war das deutsche Geistesleben, in dessen Strom er als kühner Schwimmer untertauchte, um sich kraftvoll auf ihm zu erheben. Da war die deutsche Wirtschaft, die er selbst hatte aufbauen helfen und die ein Stück von seinem eigenen Wesen war. So zahlreich und stark waren die Bande, die ihn mit Volk und Land verbanden, daß, wenn er von der Religion absah, es fast nichts mehr zu geben schien.