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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 30

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
Date
1916-10-25
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 Mit feinem Verständnis für den Sinn jüdischer Geschichte und der im Judentum vorhandenen Gewalt kolonisatorischer Energie haben die Briten für sich den Anspruch auf jüdische Herkunft erhoben. Noch heute spielt in ihrem politischen Denken die koloniale Ideologie, die den Nachkommen Abrahams die Weltherrschaft verheißt, eine nicht unbedeutende Rolle. Die Anschauung, daß das britische Volk von den verlorenen zehn Stämmen Israels abstammt und deshalb von Gott zur Weltherrschaft berufen sei, durchdringt weite Kreise der englischen Bevölkerung. Sie ist besonders lebendig in den Kreisen, die in den Geschehnissen der englischen Geschichte gern die Erfüllung alttestamentlicher Weissagung sehen. Auf dem britischen Reich, so erklärte ein frommer Brite dem deutschen Schriftsteller Paquet, ruhe der Segen Gottes. Die Engländer seien die verlorenen zehn Stämme Israels und es sei merkwürdig, daß die beiden anderen Stämme durch den Krieg der russischen Gewalt entzogen wurden1). Wie eine Erfüllung alttestamentlicher Verheißung erschien den Briten die Tatsache, daß der Staatsmann, der die indischen Landmassen als britisches Kaiserreich zum integrierenden Bestandteil der britischen Machtsphäre erhob, den Namen D i s r a e 1 i trug. Und jedesmal, wenn Großbritannien seinem ungeheuren Kolonialbesitz neuen Länderraub hinzufügte, fand sich ein britischer Staatsmann, der ihn als Erfüllung alter biblischer Weissagung rechtfertigte. Den Gewissensbedenken Gladstones gegenüber, der in der Beschießung von Alexandrien und der darauffolgenden Okkupation Ägyptens eine flagrante Rechtsverletzung sah, beruft sich Lord Cromer auf Jerem. 4G, 24, wo es heißt, „die Tochter Ägyptens war in die Hand des Volkes des Nordens gegeben142). Es wird vielen vielleicht seltsam erscheinen, daß ich als evangelisch erzogener Abkömmling einer ostdeutschen Arbeiterfamilie das machtvolle Walten nationaler Kultur nirgends so tief empfunden habe wie bei Betrachtung der alten jüdischen Kirchhöfe Deutschlands. Was der koloniale Boden des ostelbischen Deutschland an alten Kulturwerken aufweist, das reicht kaum fünf Jahrhunderte in unsere Geschichte zurück. Auf den alten Judenkirchhöfen aber umwehte mich der Hauch von Jahrtausenden. Wenn die Gebeine jüdischer Kolonisten, die man hier der deutschen Erde anvertraut hatte, auch nicht älter waren als die vielfach auf die erste deutsche Kolonisation zurückreichenden Grabstätten der alten christlichen Kirchhöfe des Ostens, so wiesen doch die Grabmale mit ihren geheimnisvollen hebräischen Schriftzeichen auf eine uralte Kultur zurück, die schon vor Jahrtausenden unter dem sonnigen Himmel des Orients als echtes Kind des geistesmächtigen Vorderasien strahlend emporgeblüht war und, durch Kolonisation nach der dämmerreichen norddeutschen Ebene verpflanzt, sich auch hier in ihrer Eigenart Jahrhunderte hindurch erhalten hatte. Gemeinsames Kolonistenschicksal verbindet die Juden und Deutschen des Ostens. Beide drangen, ausgerüstet mit eigener, selbständiger Kultur, x) Siehe Alfons Paquet, In der Schweiz. Drei Gespräche über den Krieg. „Frkf. Ztg.4' vom 23. Juli 1916. 2) Siehe Earl of Cromer, Modern Egypt, London 1908, Bd. 1, S. 147.

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