Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit
- Date
- 1916-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West Erscheint zweimal Im Monat unter Mitwirkung von Geh. Reg.-Rai Prof. Dr. Hermann Cohen / Alexander Eliasberg Dr. Adolf Friedemann / Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs Dr. Franz Oppenheimer itmiiiimimmimmiiimtimiiimmimnumiiiim I. Jahrgang 25. Oktober 1916 Heft 2 iiimiimmmiiiiiiiiitiimiiiiiiiiiiiiiiimiiim Der Anspruch des Judentums auf national-kulturelle Wirksamkeit Von Dr. Ludwig Quessel, Darmstadt Mitglied des Reichstags Die kolonisatorischen Energien, die Griechen, Römer und Briten im Lauf ihrer Geschichte entfalteten, haben mit Recht die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Geschichtsschreiber aller Völker erregt. Und doch müßte sich der Historiker besinnen, ob er diesen Völkern hinsichtlich der Entfaltung kolonialer Energie auch wirklich die Palme zuerkennen darf. Denn neben, vielleicht über ihnen, steht das jüdische Volk, dessen kolonisatorische Kraft so sehr alles Maß überschreitet, daß sie zur Auflösung des Volkskörpers selbst führte. Wäre das Bild nicht zu gewagt, so könnte man sagen, das eigentliche Wesen der historischen Entwicklung des Judentums liege darin, daß die feste Materie des jüdischen Volkstums sich unter dem Druck der Weltgeschehnisse, in reine kolonisatorische Energie auflöste, die sich in der Folge über alle Wrelt ausbreitete. Als Alexander seine Eroberungs- und Kolonisationspolitik begann, als die mächtigen Staatskörper der Diadochenreiche sich bildeten, da flutete das Judentum aus den engen Grenzen seiner Heimat hinaus in die weite, lockende Welt. Selbstsicher nahte der jüdische •Kolonist sich dem Griechen, seines Wertes sich bewußt. „Der gebildete Grieche," sagt Weinheimer, „stolz auf seine Weltherrschaft und Weltkultur, fand sich in wichtigen Punkten mit dem Juden zusammen . . . Langsam, aber stetig verbreitete sich die Judenschaft über die damals bekannte Welt.tt Den ersten Pionieren, die sich bis weit in den Westen hinein vorwagten, folgten andere, die zu den Quellen des Nils und in das chinesische Tiefland vordringen. Wie eine den im Heimatboden wurzelnden Volkskörper verzehrende Flamme bricht sich die kolonisatorische Energie des Judentums im hellenistischen Zeitalter Bahn. Während das Judentum der Heimat, seiner besten Kräfte beraubt, politisch herabkpmmt, erklimmt das Judentum der Diaspora die höchsten Gipfel freier Geistigkeit und strahlt sein Licht hinaus auf das Meer der Geschichte.