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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 21

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1916-10-10
Page
Seite 21 (sequence 3)
Language
German
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21 Diese Anerkennung der sittlichen Weltordnung ist der Grundpfeiler der Versöhnung des Menschen und der Menschen mit Gott. Sie schließt sich daher unmittelbar an das Bekenntnis zu dem Einzigen Gotte (die Aboda) an: „denn Dein ist das Reich und in alle Ewigkeit regierest Du in Herrlichkeit". Die sittliche Weltordnung des göttlichen Regiments erfordert ferner das Weltgericht (Sichronoth). Nicht aber, wie im allgemeinen Mythos, bedeutet es hier den Weltuntergang, noch allenfalls dessen Wechsel mit einer Welterneuerung, sondern es beruht hier auf einem Gedenken Gottes, in welchem Gott selbst gleichsam zum Mitpartner der Geschichte wird. Er gedenkt am Weltgerichte nämlich der Bündnisse, die er mit den Menschen, mit Noah, mit Abraham, Isaak und Jakob, und endlich mit Israel selbst geschlossen hat. Von diesem historischen Gedenken wird das Neujahr zum „Tage des Gedenkens" geprägt. Und so erscheint der Mensch in seiner Sünde und seinem Sündenbekenntnis zugleich ausgerüstet mit dem Gnadenbrief Gottes, als des geschichtlichen Bundesgenossen der Menschheit. Das Schofar ist jetzt daher das obligate Instrument bei der Offenbarung am Sinai (Schofaroth) geworden. So wird es „zur Sitte in Israel, zum Rechte für den Gott Jakobs". So wird es zum Schofar der Psalmen. So wird es endlich zum Schofar der Welterlösung. Denn die Freude, die in diesem Gedenken über Israel kommt, sie ist eine „Freude der Weltw, und diese ist sprachlich wie begrifflich eine „Freude der Ewigkeit4. Der Messias vereinigt alle Völker in die Eine Menschheit. Diese Grundbedeutung der jüdischen Religion spricht das Hauptgebet an diesen Tagen der Ehrfurcht aus: „Auf daß Dich ehrfürchten alle Werke und sich vor Dir niederwerfen alle Erschaffenen, und sieh verwandeln allesamt in Einen Bund, zu vollführen Deinen Willen in vollkommenem Herzen". So gipfeln Weltregierung und Weltgericht in dieser Weltversöhnung, nicht allein des einzelnen Menschen mit seinem Gotte, sondern zugleich der Menschengeschlechter mit dem Einzigen Gotte, der ihren Bund in die Eine Menschheit vollbringen wird. So denken, so hoffen, so beten wir: Dein Reich komme. Diese Zuversicht ist unsere Grundstimmung für die Erneuerung unseres religiösen Lebens, für unsere fromme Arbeit an der Versöhnung der sittlichen Welt mit dem Einzigen Ootte der Geschichte. Ob eine Festvereinigung wie diese, mit einer solchen ethischen Bedeutung, die über die Grenzen einer engeren religiösen Gemeinschaft weit hinausgreift, in unserer Zeit eine aktuelle Bedeutung hat? Und ob sie jemals veralten und erledigt werden kann? Je mehr der Horizont der Menschheit sich verdüstert, desto mehr bedürfen wir des hohen Standortes, von dem aus den Wirren und Nöten der Zeit, aus der herzzerreißenden Feindschaft der Völker der Sonnenaufgang der sittlichen Menschheit erschaut werden kann. Einen solchen Höhenblick bietet unser Fest: die Zuversicht auf die Menschheit, ohne die die Weltgeschichte ihren Sinn verliert.

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