Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
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Noch eine andere Lehre aber erweckt das Schicksal unserer Zeit. Die Völker sind keineswegs nur die Abstraktionen einer Rasse, sondern sie sind wahrhaft lebendig in den Individuen, und zwar nicht allein in denen, die sie in Bewegung setzen, sondern auch in den Individuen der Massen, die in Bewegung gesetzt werden. So behält der Prophet recht: Die Seele ist es, die sündigt, die einzelne Person, auch wenn sie sich noch so sehr auf die Mehrheit von Individuen überträgt. Wie nun aber die Sünde individuell ist, so muß auch geschichtlich und politisch die Versöhnung von dem Individuum angestrebt werden, von jedem einzelnen Volke und von jedem Einzelnen in jedem Volke. Und der Glaube an Gott gipfelt in diesem Streben jedes Individuums, durch die eigene sittliche Arbeit, in Reue und Buße, wie im Vertrauen und in der Zuversicht Versöhnung zu erlangen mit sich selbst, mit den Leidenschaften, die das Herz spalten. Aber wie das Individuum auch die Individualität der Völker betrifft, so muß auch die Versöhnung unter den Völkern von jedem religiösen Individuum angestrebt werden. Solche Versöhnung des Menschen mit sich selbst und der Menschen miteinander, sie ersehnt und erfleht das religiöse Gemüt durch die Versöhnung mit Gott. Solchen Höhe- und Zielpunkt bildet Gott in der Erlösung des Menschen von der Last seiner Sünder. Diese Zuversicht auf diese Versöhnung des Menschen mit seiner Bestimmung, sie ist der InbegTiff des Glaubens au den Gott der Versöhnung und der Erlösung, den Einzigen Gott, zu dem wir mit Hiob beten, mit unserem Faust: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". Soziologische Tagebuchblätter Von Dr. Franz Oppenheim er 1 Also auch Rumänien! Das letzte Land Europas, in dem Juden in dichten Massen als Volk eigener Sitte, Kultur und Sprache zwischen fremdsprachigen „Wirten44 hausen! Auch dieses unselige Land wird zum Schauplatz des Krieges werden, wird verheert und verwüstet zurückbleiben, wie alle die anderen europäischen Länder jüdischer Massensiedlung, wie Galizien, Polen, Litauen und die Ostseeprovinzen. Das Drama des Judentums in Europa steigt zur Peripetie: wird sein Untergang der Schluß sein oder seine endgültige Erlösung aus dem Drucke der Barbaren? Ich hoffe das letzte, und dann wird der gezahlte Preis nicht zu hoch gewesen sein. Aber hoch, furchtbar hoch ist er auch dann! Wie die Russen, so treiben auch ihre würdigen Genossen, die Rumänen, das Kanonenfutter der jüdischen Männer als erste Opfer in das Maschinengewehrfeuer und die Drahtverhaue der Gegner. Wenn die Juden Deutschlands und Österreichs und vollends die zu voller staatsbürgerlicher Gleichberechtigung aufgestiegenen Juden Bulgariens in heller Begeisterung für ihr Vaterland kämpfen und sterben, so haben diese Unglücklichen für Stief-Vaterländer zu verbluten, für verruchte Staats-