Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
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20 Atmosphäre und einen neuen Horizont auoh für die alten Sühnefeste herbei. Die „Männer der großen Synagoge44, die das Mussafgebet des Roschhaschana verfaßt haben, sie haben mit ihrer Charakteristik dieses Festes in diesem Gebet eine hervorragende religionsgeschichtliche Entwidmung vollzogen. Roschhaschana und Jomkippur sind durch ihre Reform zusammengewachsen und zu einer neuen und eigenartigen Einheit geworden. Versöhnung ist die Losung dieser Tage, die nach Anfang und Abschluß als „die zehn Bußtage" nunmehr vereinigt sind; Versöhnung, nicht durch das Sühnopfer des Hohenpriesters, sondern auf Grund der Buße in diesen zehn Tagen, auf Grund der Buße eines jeden Einzelnen in der Gemeinde, gemäß der Erkenntnis, die Jescheskel gewonnen hatte: „die Seele sündigt14. Das Individuum ist in seiner Sittlichkeit nicht der Sproß seiner Ahnen. Und wie das Volk nicht als Ganzes, nicht als Ahnengeschlecht sündigt, so kann .es auch nicht in seiner Gesamtheit von der Sünde erlöst werden: wenn nicht jeder Einzelne durch die eigene sittliche Bußhandlung sich zu läutern bestrebt und dazu vermögend ist. Kein Opfer und kein Priester kann die Versöhnung bewirken, sondern nur jeder einzelne Mensch kann dies für sich selbst erwirken. Und nur auf Grund der eigenen selbständigen sittlichen Arbeit an sich selbst kann er alsdann auch zu einem gesunden Solidaritätsgefühl mit seiner Gesamtheit gelangen. Aus dieser Grundlehre des Judentums: daß Gott die Versöhnung nur erteilt, wenn jeder einzelne Mensch durch die eigene sittliche Arbeit an seiner Selbstläuterung sie zu erwerben traehtet, ist die wunderbare, weil einzigartige Entwicklung des Jomkippur in der Weltgeschichte entstanden und nur aus ihr möglich geworden. Aus dieser Entwicklung des .Jomkippur ist sodann auch die seines alten Rüsttages, des Neujahrs, nachgefolgt. Und das Schofar hat sich zu einem Instrument mit einer variationsreichen Symbolik ausgestattet. Es ist zunächst die Posaune des Weltgerichts geworden. Aber das Weltgericht verhängt hier nicht den Weltuntergang; denn der Messias ist es, der in die Posaune stößt. Und so ist die Posaune des Weltgerichts die Posaune der messianischen Welterlösung und Weltversöhnung geworden. l)as Mussafgebet verkündet uns die messianische Bedeutung dieser Feste in einer dreifachen Gliederung: für die Weltregierung, das Weltgericht und die Welterlösung. Und dieser Inbegriff rechtfertigt wahrlich die Benennung dieser vereinigten Feste als „Tage der Ehrfurchtu, durch die sie von den anderen Festen unterschieden werden. Die Weltregierung (Malchijoth) ist die Grundbedingung des Gottesglaubens. Nicht daß Gott in der Welt enthalten sei, sondern daß er sie regiert, macht den Sinn und Begriff Gottes, als des Einzigen, aus und gibt der Welt ihren Sinn als Weltgeschichte, als Geschichte der Menschenvölker, sofern sie auf das Ziel der Menschheit hin geschaffen seien.