Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 19 (sequence 1)
- Language
- German
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19 Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft 1. Neujahr und Versöhnungstag: Ein religionsgeschichtlicher Festgruß Von Hermann Cohen Um diese Zeit ist es Sitte in Israel, daß man einander Glück wünscht zum religiösen Neujahr. Auch diese neue Zeitschrift, die ein neuer Mittelpunkt werden mochte für alle Sorgen und alle Hoffnungen der Juden, entbietet bei ihrem ersten Erscheinen ihr ernstes, zuversichtliches Glückauf! den Glaubensgenossen, und — wie die biblische Formel bei der Versöhnung lautet „der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der unter ihnen weilet" — so entbieten wir unseren Festgruß nach prinzipieller Überwindung des alten Gegensatzes zwischen Eingeborenen und Fremden nunmehr auch den Völkern, in deren Staaten wir nur im Glauben ein Sonderdasein führen wollen. Die Neujahrswünsche entfalten sich an den Festtagen zu frommen Gebeten. Die religiöse Bildung aber macht die heiligen Feste und ihre sinnigen Gebräuche zum Gegenstand geschichtlicher Betrachtung. Und für diese sind die sogenannten hohen Feiertage von ganz besonderein Reiz; denn sie sind wahrhafte Musterbeispiele der religiösen Geschichte und ihres Leitfadens, der religiösen Entwickelung. Wie wenig, wie so durchaus gar nicht lernt man das Judentum kennen, geschweige verstehen nach dem Berichte der Bibel über Neujahr und Versöhnungstag. Das Neujahr ist dort ein Neumond, und nur dadurch von den anderen Neumonden unterschieden, daß es die Einleitung bildet zum Versöhnungstage. Das Blasen ist allen Neumonden gemeinsam. Das Schofar ist noch nicht auf den messianischen Orchesterton gestimmt. Und was ist der Versöhnungstag in den Büchern Mose? Auch er ist nur das Sühnefest des Hohenpriesters, an dem das Volk selbst erst am Schlüsse durch ein Freudenfest teilnimmt. Von diesem Volksfeste berichtet uns eine alte Mischna. Und was ist nun aus diesem Sühnefest mit seiner öffentlichen Brautwerbung und Brautschau sowie dem großen Gelage am Abschluß des Tages allgemach geworden, oder genauer: Was hat der Talmud in seiner eigenen Entwickelung aus diesen Festen des Blasens und des hohenpriesterlichen Sühneopfers neben der angeschlossenen Kirmes Neues gestaltet und verwandelt? Freilich breitet sich die Verwandlung lange zuvor schon auf dem prophetischen Urboden vor, nämlich auf Grund der Verwandlung des Opfers in die sogenannte Buße, die vielmehr die sittliche Arbeit der Selbstbesserung ist, und durch ihre Vermittelung erst in die Versöhnung des Menschen mit Gott und dadurch des Menschen mit sich selbst. Und wie Reue und Läuterung mit dem Erfolg der Versöhnung vom Heidentum des Opfers überhaupt befreien, so führen sie eine neue