Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Jüdische Erziehung
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 zumal eine Kenntnis des Judentums ohne Verständnis der hebräischen Sprache stets nur eine halbe sein wird. Zudem besteht das Judentum keineswegs aus irgendwelchen trockenen Glaubenslehren und auswendig gelernten Bibelversen, sondern ist der Ausdruck einer viertausend]ährigen Geisteskultur und einer nationalen Geschichte, die ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht hat. Diese in sich aufnehmen, dazu bedarf es mehr als eines kalten Religionsunterrichts. Das Judentum will gelernt, will gefühlt und will erlebt sein. Eine Zeitlang haben wir uns eingebildet, daß die Simultanschule unserer Jugend die Möglichkeit einer jüdischen Erziehung geben wird. Wir haben inzwischen eingesehen, daß es in Wahrheit gar keine Simultanschule gibt. Dort wo die Mehrheit katholisch ist, wird die Schule einen katholischen Charakter, wo sie evangelisch ist, einen protestantischen Geist haben. Jedenfalls ist sie immer christlich und niemals jüdisch. Wollen wir wieder eine Jugend mit jüdischen Kenntnissen haben, wünschen wir, daß unser Nachwuchs mehr vom Judentume weiß, um seine Ehre würdig wahren zu können, so müssen wir mit voller Absicht und in klarer Erkenntnis jüdische Schulen schaffen. Diese Schulen sollen keineswegs Schulghettos sein, wie das Schlagwort lautet, mit dem man eine gute Sache totmacht, ohne über sie überhaupt nachzudenken. Denn wir haben gar keine Absicht der Abschließung. Schulghettos sind vielmehr dort vorhanden, wo jüdische Kinder unter der unbegründeten Feindschaft von Mitschülern zu leiden haben. Nur. in jüdischen Schulen kann der Sabbath beobachtet werden. Dieser nationale Ruhetag der Juden hat seine historische Bedeutung. Er hat mehr zur Erhaltung des Judentums beigetragen, als alle theoretischen Erörterungen je vermöchten. Im jüdischen Religionsunterricht an einer christlichen Schule, auch wenn. sie Simultanscbule heißt, lernt das jüdische Kind, daß es als Feiertag den siebenten Tag beobachten soll. Aber dieselbe Schule zwingt das Kind an diesem dem Judentume heiligen Sabbath zu arbeiten, und laßt es an dem vom Christentum an seine Stelle gesetzten Sonntage ruhen. Der Geschichtsunterricht, der von christlichen Lehrern erteilt wird, wird immer davon ausgehen, daß das Judentum seit der Entstehung des Christentums eine überlebte Größe ist. Für sie hat das Judentum immer nur die Bedeutung einer Vorbereitung des Christentums und hat seinen Lebenszweck verfehlt, als es nicht christgläubig wurde. Auch die dem Christentume gegenüber ungläubigen Christen sind von dieser Geschichtsauffassung durchaus abhängig. Denn vielmehr als der Religionsunterricht gibt der Unterricht in Geschichte und Literatur der Schule den Charakter einer christlichen Anstalt, und es ist kein Zufäll, daß den wenigen an öffentlichen Schulen zugelassenen jüdischen Lehrern gerade der Unterricht in Geschichte und Deutsch vorenthalten wird. Das ist aber nur die negative Seite dieser ganzen Frage. Viel schwerer wiegt der Umstand, daß das jüdische Kind vom J udentume, seinem Wachsen und Werden nichts lernt und nichts erfährt. Schon die Notwendigkeit des hebräischen Unterrichte" sollte darauf hinweisen, daß wir besonderer jüdischer Schulen bedürfen. Denn wenn man das Hebräische nicht von klein auf treibt, so wird man es darin nie so weit bringen, daß einem der Geist der Sprache vertraut wird, in der Moses und die anderen Propheten die Weisheit