Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Jüdische Erziehung
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 Israel» niedergelegt haben und in der allein sich der jüdische Geist unabhängig und selbständig gibt. Aber viel wichtiger noch als der hebräische Unterricht wäre ein solcher in der Geschichte der jüdischen Nation und ihrer Literatur. Zwar kann auch der nur ganz unmittelbar wirken, wenn er durch gute Kenntnisse im Hebräischen unterstützt wird. Unser talmudisches Schrifttum, die Weisheit unserer Rabbiner durch zwei Jahrtausende der Unterdrückung und der Sehnsucht nach einer nationalen Wiederherstellung ist uns nur so weit bekannt, als seit mindestens einem Jahrtausend dieser Talmud angeklagt, beschimpft, verbannt und verbrannt wird. Aber von der großen nationalen Kultur des Judentums, die hier niedergelegt ist, haben in Deutschland nur wenige Auserwählte eine Ahnung*. Seit mehr als zwei Jahrtausenden ist ein hebräisches Gebetbuch durch den allgemeinen Gebrauch unseres Volkes geheiligt. Andere Nationen würden sich glücklich schätzen, so uralte nationale Werke zu besitzen, Bücher tiefster religiöser Erkenntnis und weichster Innigkeit. Wer schon nicht dazu die Natur hat, sich religiös zu betätigen, der muß wenigstens aus Gründen adelnden Alters das uralte Gebetbuch der Juden kennen, aus dem in mehr als zwei Jahrtausenden Väter und Söhne, Mütter und Töchter ihre heißen Gebete dreimal täglich zum Himmel sandten. Da ist das Religiöse, ganz abgesehen von dem wunderbaren nationalen Geiste, der durch das ganze Gebetbuch weht, schon durch das ehrwürdige Alter zu einem nationalen Schatze geworden: Wo aber soll das jüdische Kind dieses Gebetbuch kennen lernen, wenn nicht in einer jüdischen Schule? Nur in einer jüdischen Schule können die beschichte'und die Literatur des Judentums den genügenden Platz finden. Nur in einer jüdischen Schule wird der Geist auch des andern Unterrichts nicht von christlichem, sondern von jüdischem Geiste durchweht sein. Jetzt sind unsere Kinder in den öffentlichen Schulen durch die ererbte Feindschaft ihrer Mitschüler gegen Juden und Judentum vielfach in ein wahres Schulghetto eingeschlossen. Befreit daraus können sie nur werden, wenn die jüdischen Gemeinden sich entschließen, jüdische Schulen einzurichten, Volksschulen, Realschulen und Gymnasien. Von jüdischen Schulen aus würde eine Erneuerung des jüdischen Geistes ausgehen. Soweit es sich um bestimmte Zwecke handelt, haben sich auch die deutschen Juden keineswegs gescheut, besondere jüdische Schulen zu gründen. So haben die landwirtschaftlichen und Gärtner-Schulen, die verschiedentlich gegründet worden sind, eine vortreffliche Wirksamkeit entfaltet, ohne daß die erwarteten schädlichen Nebenwirkungen eingetreten wären. So werden sich auch die Befürchtungen, die an die Gründung von allgemeinen, mittleren und höheren jüdischen Schulen geknüpft werden, in nichts auflösen, wenn man an die Verwirklichung dieser-Gedanken herantritt. Nur von der nationalen jüdischen Schule dürfen wir in Deutschland eine Erhaltung des Judentums, eine Wiederbelebung des jüdischen Geistes, eine neue Blüte jüdischer Gedanken, eine Kultur des jüdischen Herzens erwarten.