Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Zu Nationalitätenfrage in Polen
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 7 (sequence 5)
- Language
- German
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7 Die Polen in denselben Landesteilen, die Polnisch als Muttersprache sprachen, haben diese nicht zugunsten des Deutschen aufgegeben, ebensowenig wie die'Juden in Ostgalizien und der Bukowina das Jiddisch zugunsten des Polnischen oder Ruthenischen; denn dort blieb die Amtssprache polnisch, und die Emanzipation der Juden hat an der Tatsache nichts geändert, daß sie dort sich der anderen Bevölkerung nicht assimiliert haben, daß sie eine gesonderte Nationalität geblieben sind, trotzdem das österreichische Wahlrecht sie als solche nicht anerkennt. Wenn Kongreßpolen deutsch würde, wenn deutsche Beamte es verwalteten, wenn Deutsch als gleichberechtigte Landessprache und als Sehulsprache zugelassen würde, so wäre mit Sicherheit anzunehmen, daß binnen wenigen Jahrzehnten das Jiddisch durch das Hochdeutsche verdrängt würde. Aber ich halte es für eine Illusion, anzunehmen, daß das Polnische es verdrängen könnte. Das wird noch weniger der Fall sein, als das Deutsche in Posen, Westpreußen und Oberschlesien die polnische Muttersprache verdrängt hat — trotz deutscher Behörden, deutscher Amts- und deutscher Schulsprache. Die Muttersprache läßt sich nicht zwangsweise ändern, und sie bestimmt d i e N a t i o n a 1 i t ä t. Nun gibt es in Polen allerdings eine Anzahl den gebildeten und besitzenden Ständen angehörender Juden, die das Jiddisch als Muttersprache aufgegeben, die als solche das Polnische angenommen haben, die sich nur als zur jüdischen Religionsgemeinschaft gehörig, nicht aber als jüdische Nationsgenossen fühlen, die innerlich wie äußerlich Polen geworden sind und die den brennenden Wunsch haben, daß dieselbe Kntwickelung sich auch bei ihren anderen Glaubensgenossen vollziehen möchte. Ein vielleicht durchaus berechtigter Wunsch, der einen für Polen wie Juden durchaus vorteilhaften Zustand erstrebt. Aber ich halte ihn für einen frommen Wunsch, der an der Macht der Tatsachen, an der Muttersprache und am Nationsbewußtsein der polnischen Juden scheitern müßte. Höchstens JW8 Prozent der pol nischenJuden sprechen polnisch als Muttersprache. Bei einer kürzlichen Zählung in Lodz erklärten sich nur;>2Ö0 als Assimilatoren, dagegen 158000 als Nationaljuden. In Warschau, wo die ersteren weitaus am stärksten vertreten sind, erhielten doch nur 4,5 Prozent der jüdischen Kinder ihren l'nterricht in polnischer Sprache. Kann man demnach die polnischen Juden nicht als polnische Nationalität ansprechen, so läge es mit Rücksicht darauf, daß das Jiddisch ein deutscher Dialekt ist, nahe, sie zu den Deutschen zu zählen. Aber auch das ist nicht angängig. Die intellektuellen und wohlhabenden Juden fühlen sich überwiegend als Polen. Die Stammesdeutschen in Polen gehöreu fast durchgängig den höheren Ständen und dem Mittelstand an; sie stehen an Bildung weit über dem jüdischen ft-oletariat, zu dem die große Masse der polnischen Juden gehört. Und deren Bildung ist eben keine deutsche, sondern eine spezifisch jüdische.. Der Deutsche in