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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Zu Nationalitätenfrage in Polen
Date
1916-10-10
Page
Seite 6 (sequence 4)
Language
German
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6 lettisch, sondern ein eigenes Idiom, das Jiddisch, einen mittelhochdeutschen Dialekt, den sie bei ihrer Flucht vor den Judenverfolgungen aus Oberdeutschland mitgebracht und, abgesehen von einigen beigemischten hebräischen und slawischen Wörtern? überraschend rein erhalten haben. Mit ihren Mitbewohnern vermischen sich die Juden auch nur ganz ausnahmsweise; das erschwert aufs äußerste ihre Religion mit ihren strengen Vorschriften über Essen und Trinken, über die Heiligung des Sabbaths gegenüber der Sonntagsheiligung der Christen, mit ihren zahlreichen rituellen Vorschriften für alle Vorgänge des Lebens, Und je mehr sie sich als ein abgesondertes Volk fühlen, um so peinlicher achten sie diese Vorschriften, um so unduldsamer werden sie gegen den Stammesgenossen, der sich darüber hinwegsetzt. Mail hat eingewendet, diese Absonderung habe in allen Ländern bestanden, solange in ihnen den Juden die Gleichberechtigung versagt gewesen sei. Mit dieser seien sie in wenigen Jahrzehnten assimiliert, d. h. in dem Volk aufgegangen, mit dem sie zusammenwohnten. Man weist ganz besonders darauf'hin, daß die Juden in den vormals polnischen Landesteilen, in Posen und Westpreußen, die doch erst nach 1815 an Preußen gekommen seien, genau auf derselben Kulturstufe gestanden hätten, wie die Juden in den an Rußland gefallenen Teilen Polens, und wie sie bei uns sich zu Deutschen entwickelt hätten, in Rußland aber, in der Unfreiheit, unter einer Kultur, die hinter ihrer eigenen zurückblieb, unter Druck, Verfolgung und Knechtung auf dem alten Stand, in der alten nationalen Absonderung verblieben seien. Darin steckt sehr viel Wahres, aber auch eine Menge Halbwahres. Die Juden in den west- und mitteleuropäischen Ländern sprachen auch vor ihrer Emanzipation die Landessprache als Muttersprache, nahmen infolgedessen an der geistigen und sonstigen kulturellen Entwickelnng des Volkes, unter dem sie wohnten, vollen Anteil; ein Moses und Felix Mcndelsohn-Bartholdy, ein Börne und Heine und unzählige Andere vermehrten den Schatz deutschen Wissens und deutscher Kunst, waren also Deutsche, längst bevor den deutschen Juden die politische Gleichberechtigung gewährt wurde. Und genau so war es in den westeuropäischen Staaten, Wenn die Juden in den vormals polnischen Landesteilen sich so rasch zu Deutschen entwickelten, nachdem diese Gebiete preußisch geworden waren, so hatte dies viel weniger mit der doch erst nach 1848 einsetzenden politischen Gleichberechtigung zu tun — hatten doch auch die anderen Preußen vorher nur wenig politische Rechte, waren Untertanen, nicht Staatsbürger — als vielmehr damit, daß ihre Muttersprache, das Jiddisch, ein deutscher Dialekt war, der sich naturgemäß im Umgang mit den deutschen Beamten und Behörden, mit den zuziehenden Stammesdeutschen, mit der deutschen Schule und Literatur zum Hochdeutschen umwandein mußte.

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