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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Zu Nationalitätenfrage in Polen
Date
1916-10-10
Page
Seite 5 (sequence 3)
Language
German
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5 begrüßen können, zumal dann, wenn das zugunsten der auf höherer Kulturstufe befindlichen Nationalität geschieht. Aber jedes Eingreifen des Staates nach dieser Richtung weckt Mißtrauen, Erbitterung, Widerstände. Wir haben das in Deutschland erlebt, wo die nationalen Gegensätze durch die Maßnahmen der Germanisierungspolitik aufs äußerste verschärft worden sind. Die große Schwierigkeit im Nationalitätenstaat ist, den Nationalitäten die Freiheit in der Ordnung und Pflege ihrer Kulturgüter zu lassen, ihnen den Verkehr mit den Behörden in ihrer Muttersprache zu ermöglichen und doch die unerläßliche Einheit in Gesetzgebung und Verwaltung zu sichern, ohne die ein Staatswesen keinen Halt haben würde. Zwischen diesen beiden Polen die richtige Mittellinie zu finden, ist um so schwerer, als eine vernünftige Politik wo irgend möglich auch an das geschichtlich Gewordene und Lebensfähige anzuknüpfen und es zu erhalten versuchen muß. Die in Frage kommenden Nationalitäten sind außer den Polen, die ja nach der Erstreckung, die dem neu zu bildenden Staatswesen gegeben wird, zwischen 45 und 70°/0 der Gesammtbevölkerung ausmachen dürften, die Ruthenen, Litauer, Letten, Weißrussen, Deutschen und Juden. Die Großrussen werden nur in so verschwindender Zahl zurückbleiben, daß außer in einigen spezifisch russischen Bauernkolonien, wo man lokale Rücksichten auf ihre Sprache, Schule und Religion zu nehmen hätte, weitere allgemeine nicht vonnöten sein dürften. Litauer, Letten, Ruthenen, Weißrussen und Deutsche sind zweifellose, unbestrittene Nationalitäten. Bestritten wird diese Eigenschaft nur den Juden. Man sagt — nicht ohne den Anschein von Recht: -—die Juden gelten in England als Engländer, in Frankreich als Franzosen, in Deutschland als Deutsche usw.; ihre große Mehrzahl in all diesen Ländern nimmt es den Antisemiten mit Recht gewaltig übel, wenn diese sie nicht als vollbürtige Landsleute anerkennen wollen, die sich lediglich in der Religion von den anderen unterscheiden. Warum sollen also die Juden in Polen etwas anderes als Polen sein? Fast alle modernen Völker sind Mischvölker, die aus verschiedenen Stämmen durch Vermischung hervorgegangen sind. Nicht die Abstammung oder Religion, sondern Sprache und Bildung sind das Entscheidende für die nationale Zugehörigkeit. Mit Recht fühlen sich daher die Juden der west- und mitteleuropäischen Länder als Volksteile der diese bewohnenden Völker. Anders in Osteuropa: in Rußland, Rumänien, Polen. Weder der Sprache noch der Bildung nach sind die dortigen Juden Russen, Rumänen oder Polen. Ihre Bildung ist nicht die der Landesbewohner, unter denen und mit denen zusammen sie wohnen, sondern es ist eine eigene, auf eigener Literatur, eigener Ethik und Religion, eigenen Sitten,jaeigenenRechtsanschauuIlgen erwachsene, die sich ganz wesentlich von der der Mitbewohner unterscheidet. Und die Juden dieser Länder sprechen aLs Muttersprache nicht russisch, rumänisch, polnisch,

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