Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Zu Nationalitätenfrage in Polen
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 überwiegend lettisch, die Polen machten nur 17 %, wenig mehr als die Juden aus. Stärker sind sie im Gouvernement Wilna mit 26,5% bei 43,1 % Weißrussen, 13,3% Litauern, 12,7% Juden und 4% Russen vertreten. Letztere sind dort großenteils erst in den letzten Jahrzehnten angesiedelte Bauern. In Kurland, dessen Bevölkerung überwiegend lettisch ist, zählen die Polen (neben zirka 6% Deutschen und vielleicht 12% Juden) überhaupt kaum. Die Vielseitigkeit der Nationalitäten macht es nun außerordentlich schwer, eine geeignete staatsrechtliche Form zu finden, unter der diese sich wohlfühlen und der Pflege ihrer nationalen Kulturgüter leben können. Die Aufgabe ist: die stärkste und politisch reifste Nationalität zur führenden, nicht aber zur herrschenden zu machen. Man darf sich nun darüber keinen Illusionen hingeben, daß gerade politisch stark veranlagte Parteien in den stärksten Nationalitäten die Neigung haben, ja es häufig als ihre — freilich falsch verstandene — patriotische Pflicht auffassen, die anderen Nationalitäten in ihrer eigenen aufgehen zu lassen. Wie es in Deutschland große Parteien gab und noch gibt, welche sich verpflichtet fühlen, die deutschen Staatsangehörigen anderer Zunge zu germanisieren, so gibt es in Polen solche, die polonisieren wollen, oder wenigstens würden sie es in Zukunft wollen, wenn dem nicht ein Riegel vorgeschoben würde. Das ist aber unbedingt notwendig, soll das zu bildende Staatswesen innere Festigkeit gewinnen. Sollen nicht Nationalitätenstreitigkeiten sein Gefüge lockern. Sollen sie nicht Rußland die Handhabe bieten, durch Unterstützung der einen oder der anderen Nationalität oder mehrerer von ihnen gefährliche Zwistigkeiten hervorzurufen. Man weiß aus Erfahrung, wie geschickt und erfolgreich Rußland das überall verstanden hat; wie es die Ruthenen in Ostgalizien, wie es die Czechen in Böhmen und Mähren, die Rumänen in Siebenbürgen und Ungarn, die Serben in Kroatien und Slawonien, in Bosnien und der Herzegowina heimlich unterstützt und aufgewiegelt hat, um den Bestand Österreichs und Ungarns zu untergraben. Wollen die Polen dem zu schaffenden Staatswesen, in dem sie die Mehrheit und damit die Führung haben würden, Bestand verleihen, so werden sie nicht nur die Rechte der nationalen Minderheiten achten, sondern von vornherein dafür Sorge tragen müssen, diesen die Ordnung ihrer nationalen Aufgaben selber zu übertragen und Wahlkämpfe der Nationalitäten untereinander zu verhüten. Zweifellos hat ein national geschlossenes Staatswesen vor einem Territorial- oder Nationalitätenstaat den Vorzug größerer Festigkeit und Geschlossenheit. Aber, wo nun einmal verschiedene Nationalitäten untereinander wohnen, ist es der größte politische Fehler, die nationale Einheit künstlich, d. h. mit Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung erzwingen zu wollen. Wo der Assimilationsprozeß sich aber auf rein natürlichem Wege vollzieht, wie das im Mittelalter bei der deutschen Kolonisation Osteibiens der Fall war, wird man das freudig