Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Zur Aussprache
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Reihe der Versöhnung der jüdischen Parteien zu dienen. Liest man die Zeitschriften der verschiedenen jüdischen Richtungen, so glaubt man, daß Orthodoxe und Freidenker, Zionisten und Antizionisten ein gemeinschaftliches Band nicht mehr haben, daß sie sich gegenseitig als Juden nicht mehr anerkennen, daß es überhaupt nur jüdische Parteien, nicht mehr ein Judentum gibt. Um ein Beispiel aus den jüngsten Tagen herauszugreifen, erinnern wir an den Streit, der anläßlich der Organisation der jüdischen Militärseelsorge um die Frage entbrannt ist, ob es sich dabei um eine religiöse oder rein organisatorische Angelegenheit handelt. Wir gedenken ferner der Fehden der jüngsten Jahre zwischen Zionisten und Zentralverein, der Zionisten unter sich! Da fehlte häufig die ruhige Sachlichkeit, die auch den Gegner als gleichwertig anerkennt. Wir wollen den einen nicht die vaterländische Gesinnung, den anderen nicht ihr Judentum absprechen. Aber nicht bloß um der Juden wegen, sondern auch um unserer christlichen Mitbürger wegen wollen wir auf den Plan treten; wir wollen der Unkenntnis in jüdischen Dingen entgegenarbeiten, die in erschreckender Weise nicht nur im Privatgespräch, sondern auch auf den Tribünen des öffentlichen Lebens, in Wort und Schrift sich breit macht. Wenn neuerdings in einem ernsten Blatte ein sonst wohlwollender Schriftsteller die Juden nicht anders zu scheiden weiß als in Rechtgläubige, Zionisten, Getaufte und „Andere" und den „Anderen" den Rat gibt, ihre Kinder taufen zu lassen, d. h. sie in der „Staatsreligionu zu erziehen, so ist es notwendig, der öffentlichen Meinung die wahren geistigen und seelischen Strömungen des Judentums darzutun und den Rechtsbegriff einer sogenannten „Staatsreligionu zu ergründen. Wir wollen, daß man die Wahrheit kennt und Gerechtigkeit übt. Die Judenfrage will zum großen Teil als Rechtsfrage behandelt sein; der Kampf um die Gleichberechtigung der Juden in Staat und Gesellschaft ist ein Kampf ums Recht, das verwirklicht werden muß um des Rechtes, um des Vaterlandes wegen. Wir wollen nicht bloße negative Abwehrtätigkeit üben, sondern den positiven Inhalt der jüdischen Religion und der jüdischen Weltanschauung zur Erkenntnis bringen und sie zur allgemeinmenschlichen und zur deutschen in das richtige Verhältnis setzen. Was ein Jahrtausende langes Leben in der Diaspora und ein halbes Jahrtausend im Ghetto aus dem Volke der Krieger, Priester und Gelehrten gemacht, hat ein Jahrhundert der Freiheit zum großen Teile bereits abgestreift, und die Schattenseiten des Ghettos werden bald verschwunden sein. Jetzt mehr als bisher ist es notwendig, daß wir für das richtige Verhältnis von Ost und West das nötige Verständnis gewinnen, daß wir Stellung nehmen zum Ostjudenproblem, und daß wir uns der Pflichten bewußt werden, die wir haben, um den Ostjuden die Möglichkeit ungehemmter wirtschaftlicher, politischer und geistiger Entwickelung schaffen zu helfen. Heute mehr als je gilt es, die Bedingungen der Versöhnung klarzustellen. Täuschen wir uns nicht darüber, daß, wenn der Krieg, der große Einiger der Individuen und Volksschichten, beendet sein wird,