Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Bedeutung der Ausgrabungen außerhalb Palästinas für das Verständnis der Bibel
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 299 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895587-2908601--10950-2908667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Bedeutung der Ausgrabungen außerhalb Palästinas Wie bedeutsame Aufklärungen für das Verständnis der Bibel das verhältnismäßig weit entfernte Kleinasien in seinem Boden birgt, das könnte in noch größerem Umfang durch die hethitischen Funde belegt werden. Hier mag jedoch als zweites Beispiel ein Ergebnis der Grabungen im syrischen Küstengebiet genannt sein, die für die Frage der Schriftgeschichte wichtig geworden sind. An einer Bibelstelle ist die Rede von „menschlichem Griffel", während andererseits die Schrift auf den Bundestafeln als Gottesschrift bezeichnet wird. Man hat darin vor mehreren Jahren einen Gegensatz erblicken wollen, wie er etwa in Ägypten zwischen der „heiligen" Schrift der Hieroglyphen und der demotischen Volksschrift" besteht. Wußte man doch, seitdem sich in Ägypten wie in Palästina Tontafeln mit babylonischen Texten in Keilschrift fanden, daß im 14- Jahrhundert v. Chr. die vorisraelitischen Fürsten Palästinas miteinander wie mit dem Pharao in Babylonisch, der Diplomatensprache jener Zeit — vergleichbar dem Gebrauch des Französischen in der Neuzeit — korrespondiert hatten. Da die ältesten Dokumente in Buchstabenschrift, die man damals kannte, aus der Zeit nach der Reichsteilung in Israel stammten, war man sogar geneigt anzunehmen, daß auch noch unter David das Reichsarchiv in fremder Sprache von einem Ausländer geführt worden sei. Alle diese Hypothesen nun sind heute gegenstandslos geworden. 1923 fand nämlich Montet in Gubla, dem biblischen Gebal oder dem Byblos der Griechen, einen Sarkophag mit Inschrift in phönizischen Buchstaben, ähnlich der althebräischen Schrift. Seine Datierung ins 12. Jahrhundert, aus ägyptischen Grabbeigaben erschlossen, ist zwar zunächst angezweifelt worden, steht aber heute ziemlich sicher fest. Ich möchte mich hier über die vielen Fragen, die mit der Entdeckung des ältesten altsemitischen Alphabets zusammenhängen, nicht weiter auslassen. Man wird, so scheint mir, im wesentlichen den Forschern recht geben können, die es für eine selbständige Schöpfung halten, nicht direkt ableitbar aus der Schrift der Ägypter oder Kreter, aber doch von Menschen geschaffen, die Hieroglyphen oder andere ägyptische Schriftzeichen kannten. Aber ich möchte an der allgemeinen Annahme zweifeln, daß diese geniale Erfindung wirklich von den Phöniziern selbst gemacht worden ist. Denn das phönizische Alphabet hat, wie die aus ihm entstandene hebräische Quadratschrift, nur ein Zade und schreibt damit den Anlaut der Namen der beiden wichtigsten Städte Phöniziens: Zidon und Zor. Wie die griechische Umschrift Sidon und Tyros beweist, haben aber die Phönizier das Zade in diesen beiden Namen verschieden gesprochen, und sie hätten für diese zwei Laute gewiß auch zwei Buchstaben erfunden, wenn sie das Alphabet selbst geschaffen und nicht von andern Semiten übernommen hätten. Man würde die Möglichkeit, daß die Israeliten die Erfinder sind, ernsthaft ins Auge fassen müssen, wenn wir nicht, wie gleich zu zeigen ist, mit dem Ursprung dieses Alphabets in eine Zeit zurückgeführt würden, in der man von Israel kaum schon als Volk sprechen kann. Bei dem heutigen Ras Schamra, i3 km nördlich Latakije, ist nämlich vor neun Jahren von Straßburger Forschern das alte Ugarit entdeckt worden, das, Avie wir aus ägyptischen Berichten wissen, schon in der ersten Hälfte des i4vorchristlichen Jahrhunderts zerstört worden ist. In den Trümmern fanden sich zur allgemeinen Überraschung Texte in einer bisher unbekannten Schrift, deren Ent- 299