Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Bedeutung der Ausgrabungen außerhalb Palästinas für das Verständnis der Bibel
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 298 (sequence 2)
- Language
- German
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Bruno Finkelscherer Das gilt von allen Gebieten der altorientalischen Kultur, und der Vergleich damit verdeutlicht dann auch wieder die Beziehungen Israels zu seiner damaligen Umwelt. Wie die Ausgrabungen außerhalb Palästinas für das Verständnis der Bibel nutzbar gemacht werden können, möchte ich im folgenden an zwei Gruppen von Beispielen zeigen. Während man aus Troja, an der Nordwestecke Kleinasiens, schon lange von vielen übereinander Hegenden Städten wußte, entschleiert sich für den Osten Kleinasiens erst langsam ein Bild der Vorgeschichte. Als fruchtbar für das Verständnis der Bibel erweisen sich schon die ältesten Texte, die wir aus diesem Teil Kleinasiens neu kennenlernen, die sogenannten kappadokischen oder richtiger altassyrischen Tontafeln in Keilschrift. Erst nach dem Kriege hat Julius Lewy (Gießen, Cincinnati) sie eingehend untersucht, und etwa gleichzeitig hat der Prager Orientalist Bedexich Hrozny das Zentrum der altassyrischen Handelskolonien beim Kültepe systematisch ausgegraben. An der Stelle des heutigen Kültepe, da wo der Halys sich nach Westen wendet, lag die Stadt Kanesch als Zentrum von acht altassyrischen Orten am Beginn des 20. Jahrhunderts v.Chr., dazu kamen Faktoreien an acht weiteren Orten. Es handelt sich also nicht um eine vorgeschobene Provinz des assyrischen Reiches, sondern um Handelskolonien. Die altassyrische Kolonie in Kanesch lag außerhalb der Stadt, und neben den Verwaltungsorganen der Kolonie, die in allem letztlich den Obrigkeiten der Stadt Aschschur unterstand, herrschten selbständig Fürst und Palast von Kanesch und die einheimischen Herren in den Orten der anderen Handelskolonien, die sich schon durch ihre Namen als einheimische Kleinasiaten ausweisen. Diese Fürsten erhoben von den durch die assyrischen Kaufleute eingeführten Waren Zoll und hatten offenbar ein Vorkaufsrecht. Ähnlich nun haben wir uns das Verhältnis vorzustellen, das Chamor dem Jakob vor Schechen» vorschlägt: die außerhalb der Stadt wohnende hebräische Sippe Jakobs soll das Recht der festen Ansiedelung und des Handels im Lande mit Genehmigung des Stadtherrn erhalten. Die altassyrischen Tafeln selbst betreffen, mit Ausnahme eines Beschwörungstextes, sämtlich Handelsgeschäfte. Trotzdem verhelfen sie uns, wie Lewy gezeigt hat, zum Verständnis mehrerer Bibelstellen aus ganz andern Sachgebieten. Der Zipfel des Mantels z.B. erscheint als juristischer Ausdruck für das Verfügungsrecht eines Menschen. Das Geld, worüber er verfügen kann, wird bezeichnet als „befestigt am Zipfel seines Kleides". (Eine ähnliche Bedeutung des Zipfels des Kleides findet sich übrigens auch in anderen altorientalischen Sitten und Rechts^ bräuchen, z.B. bei Ehescheidungen.) Die Wegnahme des Zipfels des Kleides bedeutet also Verlust des Eigentums. Daraus erklärt sich die Deutung, die Samuel dem abgerissenen Zipfel des Mantels gibt: „So reißt Gott heute die Königsherrschaft über Israel von dir." Vor allem aber wird damit Davids Verhalten in der Höhle von Engedi in seiner Bedeutung geklärt, da er Saul schonte, aber den Zipfel von dessen Mantel abschnitt. Vielleicht darf man damit auch den Wortlaut des Verbotes in Verbindung bringen: „Er enthülle nicht den Zipfel seines Vaters." Schließlich sei erwähnt, daß in dem genannten Beschwörungstext von einer vom Himmel gestürzten Gottestochter die Rede ist, eine Formulierung, die an Jesajas Weissagung gegen Babel erinnert, zumal Texte aus Ugarit einen Gott Schachar kennen. 293