Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Die Bedeutung der Ausgrabungen außerhalb Palästinas für das Verständnis der Bibel
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 297 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Bedeutung der Ausgrabungen außerhalb Palästinas für das Verständnis der Bibel Während man sich für die Beurteilung und Darstellung alter Zeiten bis zum Mittelalter auf literarische Quellen hatte beschränken müssen, wozu höchstens noch Hilfsmittel wie etwa Münzsammlungen traten, begannen zuerst Italiener im Zeitalter der Renaissance, auch alte Inschriften zu sammeln. Die Juden zeigten damals, von Ausnahmen abgesehen, für historische Fragen kaum Interesse. David Reubeni ließ sich z. B. in Gaza einen mit hebräischen Buchstaben bedeckten alten Stein zeigen, den ein Araber gefunden hatte, teilt aber bezeichnenderweise den Inhalt der Inschrift nicht mit. Zu einer systematischen Auswertung der Epigraphik kam es erst im vorigen Jahrhundert; als Beispiel dafür sei nur an die großen Inschrrftensammlungen erinnert: an Boeckhs Corpus inscriptionum Graecarum oder an Mommsens Corpus inscriptionum Latinarum, denen noch später Renans Corpus inscriptionum Semiticarum folgte. Langsam bezogen diese Arbeiten auch den Osten ein, zunächst Ägypten und die altbekannten Zentren und Weltstädte des Alten Orients. Zu Beginn dieses Jahrhunderts trat dann die Vorgeschichte in Europa wie im Orient neu ins Blickfeld der Gelehrten. Nach dem Weltkrieg, der fast nur Zufallsfunde in den Kampfgebieten brachte, wurden die Ausgrabungen überall und in vergrößertem Umfange wieder aufgenommen. Der politische Zerfall der alten Türkei hat sie wesentlich erleichtert, weil die Mandatarmächte mit besonderem Eifer an die Erforschung der ihnen unterstellten Gebiete gingen; doch haben auch Nationen wie Amerika und Deutschland sich an diesen Arbeiten intensiv und erfolgreich beteiligt. In Palästina war schon vor dem Kriege verhältnismäßig viel gegraben worden; ich nenne als Beispiel nur die Orte Megiddo, Jericho, Schechem. Nach dem Kriege beteiligten sich dann auch die Juden selbst daran. Sukenik hat bekanntlich an den Grabungen in Samaria teilgenommen und an mehreren Orten Synagogen und Grabstätten entdeckt. Auf Rothschilds Kosten ist Ai ausgegraben worden. Das Ostjordanland, wo früher Gerasa freigelegt worden war, ist nach dem Krieg das Ziel mehrerer Expeditionen gewesen; in jüngster Zeit hat eine päpstliche Kommission nordöstlich des Toten Meeres gearbeitet und Nelson Glück an vielen Stellen in Moab und Edom, zuletzt in Ezion Geber gegraben. In dem bisher nur wenig erforschten Syrien brachte der Spaten besonders reiche Funde ans Licht, und zwar außer altbekannten Orten wie Sidon, Byblos und Palmyra auch völlig unbekannte Ortschaften, Bauwerke und sonstige Kulturzeugnisse. An all diesen Grabungen im Heiligen Lande wie in anderen Teilen des Orients sind wir Juden nicht nur interessiert, weil jüdische Wissenschaftler direkt daran beteiligt sind, sondern weil Neues über die Geschichte des jüdischen Volkes sich daraus ergibt und weil sie uns die Bibel besser verstehen lehren. Denn was in der Bibel als damals bekannt vorausgesetzt und nur eben erwähnt wird, das wissen wir ja nicht ohne weiteres, erfahren es vielfach erst jetzt genauer aus den Ausgrabungen. 297