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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 294

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Zu Martin Bubers Lehre von der Verantwortung
Date
1938-10-01
Page
294 (sequence 3)
Language
German
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Berthold Weinberg Menschen als Einzelnen und den gesellschaftlichen Ordnungen und ihren Inhalten möglich? Sehen wir zu! In einer Ihrer letzten Schriften: „Die Frage an den Einzelnen" untersuchen Sie das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe. Unverkennbar ist von allen überindividuellen Gebilden die Gruppe dasjenige, das den Einzelnen am stärksten beansprucht. Sie sehen das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe im Lichte der Verantwortung vor Gott. Sie wenden sich gegen Kierkegaard, der die Loslösung von der Menge fordert und sagt, jeder solle wesentlich nur mit Gott und sich selbst reden. Sie halten ihm entgegen, daß Gott uneingeschränkt über die Welt herrsche und der Mensch darum auch in der Gruppe den göttlichen Auftrag zu erfüllen habe. Der Einzelne soll also der Gruppe dienen, aber in personhafter Verantwortung vor Gott. Dies bedeutet: praktische Entscheidungen hat er aus der Situation heraus nach seinem persönlichen Gewissen zu treffen, letztlich darf er nicht die Gruppe für sich entscheiden lassen. Für die Art und Richtung der Entscheidung werden keine Maßstäbe gegeben. Wir stoßen hier auf den Satz, es gebe „nur eine Gewissensentscheidung, die dem Menschen nur persönlich richtig zu sein gewiß ist". Die hier ausgesprochene Lehre ist bedeutsam und wertvoll als Regulativ für einen extremen Kollektivismus, andererseits ist jedoch nicht zu verkennen, daß sie in einen individualistischen Relativismus hineinführt. Denn was ist, wenn objektive Maßstäbe fehlen, persönliche Richtigkeit? Nehmen wir vom Gruppenhandeln des Einzelnen einen Konfliktfall, der für die höhere Verantwortung bezeichnend ist, nämlich den Widerstreit zwischen Gruppeninteresse und allgemein-menschlichen Werten. Persönlich richtig und für den Menschen bis ins Letzte überzeugend kann hier nur die Entscheidung sein, der der Handelnde innerlich am nächsten ist. Das heißt, er entscheidet sich bei einem Widerstreit der Werte für denjenigen, der am stärksten in ihm lebendig ist, der ihn überhaupt als Persönlichkeit wesentlich bestimmt. Nur mit solcher Entscheidung bleibt er sich selber treu, sie ist die Selbsterhaltung seiner konkreten Person, die Antwort auf Gottes Anruf an sein so und nicht anders geschaffenes Geschöpf- Steckt nun aber in solcher Entscheidung, um mit Ihren Worten zu sprechen, ein Realverhältnis zur Wahrheit überhaupt oder nicht vielmehr nur ein Verhältnis zur individuellen Wahrheit des Einzelmenschen, und kommen wir damit nicht in die Nähe des von Ihnen mit Entschiedenheit abgelehnten Individualismus, der die individuelle Persönlichkeit zum obersten Wert erhebt? Diese grundsätzliche Überlegung erweist ihre praktische Bedeutung, wenn wir sie durch eine zeitgeschichtliche Bemerkung ergänzen. Es ist festzustellen, daß in der Gegenwart zwischen der 294

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