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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 290

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Aufklärung im Osten
Date
1938-10-01
Page
290 (sequence 4)
Language
German
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Fabius Schach Natur umfassenden Poesie entgegentrat. Sie knüpften an das Altertum an. Ihre Sprache war halb biblisch, und auch ihre Bilder sind vielfach dem Leben Altisraels entnommen. Aber bald kamen auch ernste Forscher, Menschen mit offenen Augen für die Erscheinungen des zeitgenössischen Lebens hinzu. Dichtungen des Gemüts, lebendige Satiren, wissenschaftliche Betrachtungen erschienen und fanden dankbare Leser. Die neuen Schriftsteller waren häufig Menschen mit wenig fremder Bildung, Autodidakten, urwüchsig und originell. In einer mit dem Herzen suchenden Welt, die von allem neu Gefundenen tief entzückt war, begann man fremde Literaturen zu übersetzen, studierte die hebräische Grammatik, las die Bibel als Buch für sich statt als Anknüpfungspunkt gelehrter Zitate, und selbst in der Talmudforschung suchte man, mit historischer Methode, eigene neue Wege. Allmählich verbreiterte sich die Bewegung, auch die Gegner machten ihr wohl oder übel manche Zugeständnisse. Es war nicht mehr ganz so verpönt, moderne Sprachen zu erlernen; mit Unterstützung der Regierung wurden jüdische Volksschulen gegründet; man schickte begabte Kinder ins russische oder deutsche Gymnasium. Schritt für Schritt strahlte die Haskala auf alle Bereiche des Lebens aus, und in der Mitte des IQ. Jahrhunderts sehen wir einen Aufschwung auf allen Gebieten, Anhänger in allen Städten. Die früher geheime Bewegung wurde - gleichsam legalisert. Die eigentlichen Führer der Haskala waren Schwärmer, Träumer, Menschen, die ihr Volk leidenschaftlich liebten und von dem Gedanken beseelt waren, für den Fortschritt zu wirken. Sie waren aus der talmudischen Welt gekommen und übertrugen die alte Leidenschaft zum Lernen auf den neuen Stoff. Von ganz wenigen abgesehen, waren es religiöse Menschen, die sich vom traditionellen Judentum nicht lösten und nur wenige unwesentliche Abweichungen von den üblichen Bräuchen und Sitten sich gestatteten. Alles Geistige war ihnen zu heilig, um es durch einen praktischen Zweck zu profanieren. Lernen des Lernens wegen, seine Seele zu befreien, sich geistig vertiefen und veredeln, — das war ihr Ziel. Alles Konkrete wurde idealisiert, alles Zweckhafte seines Zweckes entkleidet. Die Sehnsucht nach Glück und Schönheit flüchtete ins Reich des Buches. Ein späteres Geschlecht kann sich kaum mehr ein Bild davon machen, wie beglückend das romantisch Neue auf die naiven Menschen wirkte. Die Schriftsteller meinten, mit jedem Buche die Welt aus den Angeln zu heben, und die Leser glaubten es ihnen und ließen sich nur zu gern in die Traumwelt führen. In jedem Ostjuden steckt ja ein „Welterlöser". 290

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