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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 289

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Aufklärung im Osten
Date
1938-10-01
Page
289 (sequence 3)
Language
German
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Aufklärung im Osten nischer Versprechungen zuzuwenden. Eine hohe Mauer erhob sich zwischen dem Judentum und der Umwelt; was außerhalb der Judengasse lebte, schien fremd, verboten, und von innen erschwerte und ertrug man das Leben durch die Häufung immer neuer religiöser Vorschriften. Alles weltliche Wissen, selbst die hebräische Grammatik, waren verpönt; aus Furcht vor der Bibelkritik verstand man die Bibel selbst nicht mehr recht. Alles Alte wurde als heilig angesehen, alles Neue verworfen. Selbst in der Kleidung wurden Schleiflocken und Faltenrock, Trachten polnischen und deutschen Mittelalters, als jüdisches Heiligtum angesehen, und wer davon abwich, als Verräter betrachtet. Vielleicht war es nicht so sehr das Religiöse wie das Anderssein, das man behutsam schützen wollte. Man verkapselte die jüdische Seele, wickelte sie in alle möglichen Hüllen, weil man glaubte, die Reinheit des Judentums nur retten zu können, wenn man es luftdicht abschließe. Der Pilpul, das dialektische Finden und Entwirren von Gegensätzen und Widersprüchen im Talmud, galt als das Höchste alles Geistigen, und auch das Leben und Denken wurde spitzfindig verschnörkelt. Die Gemeinde war gewissermaßen in Kasten eingeteilt, die der talmudischen Gelehrten herrschte absolut, ohne Widerspruch. Menschliche Größe ohne talmudisches Wissen schien undenkbar; das „Lernen" allein war Stolz und Ehre, Freude und Trost. Der Mann aus dem Volke besaß nichts als sein Gebetbuch. Die Frau war häufig Analphabetin, sie besorgte den Haushalt und oft auch den armseligen Handel, damit der Mann „lernen" könne. Dazu kam die viel zu frühe Ehe, die häufig physisch und wirtschaftlich, geistig und religiös eine Hemmung der persönlichen Entwicklung bedeutete. Da tönte vom Westen her die Stimme der Schule Mendelssohns, anfangs ganz leise, dann immer lauter. Der neue Ruf weckte die Sehnsucht nach schönerem, freierem Leben, nach neuer Geistesnahrung. Es war eine verbotene Liebe, um so schmerzlicher und beseligender wirkte sie sich aus. Als die Aufklärung in Deutschland verstummte, lebte die Haskala-Bewegung im Osten auf. Sie wurde von den fanatischen Altgläubigen leidenschaftlich bekämpft und häufig mit blindem Haß verfolgt, als wäre sie ein Verrat am Judentum. Die Jugend aber wandte sich der neuen Bewegung mit sehnsüchtiger Begeisterung zu. Es bildeten sich in jeder Gemeinde geheime Zirkel, in denen die verbotenen Bücher gelesen wurden; in der Jeschiwa hielt mancher unter dem Talmudtraktat ein neues Buch versteckt. Schüchtern und unbeholfen begann die Haskala-Literatur. Komische, hölzerne Lyrik, holperige oder überschwengliche Prosa, so sahen ihre ersten Erzeugnisse aus. Die Menschen sehnten sich weniger nach europäischer Zivilisation als nach der natürlichen Welt, die ihnen am stärksten in der Bibel mit ihrer Gott und 289

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