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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 291

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Aufklärung im Osten
Date
1938-10-01
Page
291 (sequence 5)
Language
German
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Aufklärung im Osten Man las und schrieb mit „Kawana1', mit heiliger Andacht, und die ganze Welt verwandelte sich in eine himmlische Vision. Man schrieb „Meliza", überschwenglich, in schönen Bildern und hohen Worten schwelgend. Alle Prosa war dem Pathos der Propheten entnommen, alle Poesie dem biblischen Klange angepaßt. Und in phantastischer Mischung dazu gesellte sich talmudischer Sarkasmus, rabbinische Spitzfindigkeit. Es gab keinen höheren Sabbatgenuß, als über ein neues Buch zu sprechen, ein neues Gedicht zu lesen, das oft von einer Melodie begleitet und voller Begeisterung gesungen wurde. Den Höhepunkt erreichte die Haskala gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts hin. Die hebräische Sprache wurde erweitert und erneuert; die jüdischen Forschungen des Westens beeinflußten nun auch die geistige Entwicklung im Osten. Man vertiefte sich in die Geschichte und Literatur, näherte sich der Naturwissenschaft und — eine neue Erscheinung — begann, auch an den schlichten ungelehrten Mann aus dem Volke zu denken und ihm die neuen Erkenntnisse zu vermitteln. Die biblischen Romane Abraham Mapus, Mischa Lebenssohns und Jehuda Löb Gordons Gedichte, die kritischen Betrachtungen Lilienblums, Krochmals Philosophie, Rappaports Altertumsforschungen, die Apologetik Jizchak Bär Lewinsons, die talmudischen Forschungen Eisik Hirsch Weiß' und Schatzkes wirken teilweise noch fort. Hebräische Wochenschriften kamen und verschwanden, Tageszeitungen tauchten auf und gingen unter; von der stärksten Bedeutung für die Kultur des Ostens war unter ihnen der von Smolenski herausgegebene „Haschachar", der viel für die Erweiterung der hebräischen Sprache, noch mehr für die Erweiterung des geistigen Horizonts getan hat. Er bahnte den Weg zur jüdischen Bildung, zu einer Synthese jüdischen und europäischen Lebens. Seit der Entstehung des Zionismus in den 90er Jahren trat die Haskala immer mehr in den Hintergrund. Die nationaljüdische Bewegung im Osten nahm viele Bestandteile der Haskala in sich auf: eine bestimmte Art von idealistisch-jüdischem Patriotismus, die Begeisterung für klassisches Hebräisch und manch andere Züge. Viele Geister der späteren "Epoche, wie Bialik, Tschernichowski, Achad Haam, Bin Gorion, Lewinski, standen noch mit einem Fuße in der Haskala. Die Haskala war eine Bewegung von wirklichkeitsfernen Idealisten, aber sie beglückte zwei Generationen. Sie schuf viel Schönes, verdrängte die Dunkelheit und trug Licht in die Häuser. Ihre Spielereien und Überschwenglichkeiten sind verschwunden, aber das Gesunde darin, das Streben nach Wahrheit und Reinheit, die Sehnsucht nach innerer Erlösung ist geblieben, weil es ein Grundton der jüdischen Seele ist. 291

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