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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 288

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Aufklärung im Osten
Date
1938-10-01
Page
288 (sequence 2)
Language
German
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Fabius Schach irrationalen Richtungen in der jüdischen Geistesgeschichte sind darauf zurückzuführen, und alle Romantik entspringt derselben Quelle. Sie kann aus üppigem, müßigem Leben als Spielerei entstehen, kann aber auch seelischer Drang sein. Das jüdische Leben des Ostens lief kaum Gefahr, allzu übermütig zu werden, und wenn sich darin etwas erneuerte, dann war es vom Sturm erzeugt. Jede Erneuerung kam hier aus dem Religiösen und mündete ins Religiöse. Wie konnte es in einer Welt, die vom Religiösen ganz beherrscht war, auch anders sein? . Zwei große Bewegungen kennt der Osten, den Chassidismus und die fiaskala. Beide suchten der Seele neues Glück zu geben, beide wollten dem religiösen geistigen Leben andere Ziele, neue Wege zeigen. Sie waren schöpferisch darin, die Seele freizumachen, und sie entnahmen ihre Idee den alten Quellen und der Phantasie. Die chassidische Bewegung bedeutete die Revolution des nach Schönheit und Wärme sich ■ sehnenden jüdischen Herzens gegen den kalten gehirnzermürbenden talmudischen Pilpulismus. Aber kaum eine jüdische Epoche war so reich an literarischen Erzeugnissen, so innig geliebt und fanatisch verfolgt, so stürmisch zerstörend und Neues aufbauend, daher so tief ins jüdische Seelenleben eingreifend wie die Haskala- Bewegung des vorigen Jahrhunderts im europäischen Osten. Der Ursprung dieser Bewegung ist auf die Gestalt, Zeit und Wirkung Mendelssohns zurückzuführen, an dessen Aufklärungstendenzen man zwei Generationen später in Rußland und'Österreich bewußt oder unbewußt anknüpfte. In Deutschland stützte sich die Bewegung auf deutsche Philosophie und Literatur. Die Träger der Haskala im Osten waren weltfremde Juden, die ihre eigene kleine Welt, eine rein jüdische Welt, lichtvoller und freier gestalten wollten, ohne nach praktischen Zielen zu fragen. Wie jede ernste Bewegung ist auch diese wesentlich aus dem Geist der Zeit zu begreifen. Man kann sie nur richtig erfassen, wenn man in die religiöse und soziale Struktur jener Zeit eindringt. Es gab in der jüdischen Geschichte kaum jemals eine traurigere, als es das achtzehnte Jahrhundert für die Juden Osteuropas war. Schwerer Druck von außen, tiefe Finsternis von innen, politische Entrechtung und furchtbare Verarmung vernichteten fast das wirtschaftliche und geistige Leben. Eingesperrt in enge Gassen, in menschenunwürdige Hütten, abgeschnitten von Luft und Licht waren die Menschen; und wie so oft, wenn das Leben zu trostlos erscheint, flüchteten sie sich in die Gefilde des Überirdischen. Man lebte nicht in der Gegenwart, sondern in Vergangenheit und Zukunft, wie man sie sich phantastisch ausmalte. Man war tief religiös, von einer naiven Frömmigkeit erfüllt, anderseits nicht frei von Aberglauben. Man kehrte sich von Natur und Vernunft ab, um sich dem Wunder neumessia- 288

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