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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Um eine Prise Tabak
Date
1938-10-01
Page
286 (sequence 7)
Language
German
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J. L. Perez: Um eine Prise Tabak Dort oben wieder eine Konferenz. Der sagt dies und jener das. Da meldet sich ein ganz junges Teufelchen, noch in den Lehrjahren, hat noch nicht ein einziges Federchen auf dem Kopf, nicht ein einziges Zähnlein im Mund; meldet sich und fragt: „Hat der Chelmer Rebbe gar kein Lasterchen; hängt er an gar nichts?" „Hat allem entsagt", antwortet man ihm, „höchstens etwa ein Dampfbad vor dem Schabbat!" Pause. Tut das Teuf eichen noch eine Frage: „Hat er denn nicht irgendeine Neigung, irgendeine Angewohnheit, etwa beim Benschen Kügelchen zu drehen aus dem Brot?" Man hat ihn nicht essen sehen, einfach nicht gesehen! Da fällt Lilit etwas ein: als er ihren Duft verspürte, da hat er zu einer Prise Tabak! gegriffen. „Genug!", sagt das Teufelchen, nimmt Urlaub, und fort ist es. Eine Gewohnheit hatte der Chelmer Rebbe von eh und je: jeden Freitag nachmittag nach dem Baden aufs freie Feld hinauszugehen und da auf einem festgelegten Weg zwischen Weizen und Korn auswendig das Hohe Lied zu sagen. Und weil er ein zerstreuter Mann war und fürchtete, er könne zu weit hinausgehen, hatte er sich ein für allemal den Weg mit Schritten ausgemessen. An einem Bäumchen hatte er sich ein Zeichen gemacht... „Wie schön ist dieser Baum", hatte er nicht gesagt, ob auch an ihm Früchte wuchsen wie die Korallen. Nur als Merkmal... Auf dem Wege bis dahin sagte er die Hälfte des Liedes, setzte sich dann unter dem Bäumchen nieder, nahm aus einem Birkendöschen eine Prise Tabakt ruhte ein wenig aus und stand wieder auf, um zum Empfang des Schabbat zu gehen, auf dem Rückweg die andere Hälfte zu sagen, und traf auch jedesmal mit größter Pünktlichkeit zu Schabbat-Beginn ein. Diesmal nun erschien, bevor der Rebbe zu seiner Stelle gekommen war, ein Koboldchen, ein winziges Männlein in Hütchen und Hosen mit grünen Passen, riß das Bäumchen aus, trug es ein Stück weiter weg und setzte sich dahinter. Da saß es nun, so winzig klein, daß man es nicht hinter dem Stämmchen hervor sehen konnte. Inzwischen kommt der Rebbe an den Ort, wo das Bäumchen gestanden hatte; das halbe Hohe Lied ist gesagt, doch bis zu seinem Bäumchen ist es noch weit. War er in trüben Gedanken? Hat er ohne die richtige Andacht gebetet? Sofort nimmt er eine Buße auf sich: eine Prise Tabak hatte er gerade nehmen wollen, wie jedesmal, es hatte ihn danach gelüstet. Aber nein, er wird sie nicht nehmen, nicht ehe er bei seinem Bäumchen angelangt ist! Er ist wirklich schon ein wenig erschöpft, aber — nein, sein Gelübde wird er nicht brechen. Kaum kann er sich weiterschleppen — doch da ist er auch bei seinem Bäumchen. So müde ist 286

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