Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 285

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Um eine Prise Tabak
Date
1938-10-01
Page
285 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895587-2908598--10932-2908653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Um eine Prise Tabak Nun ist einmal der Rebbe nicht recht wohl und schickt zum Feldscher, er solle ihm ein wenig zur Ader lassen, das schlechte Blut abzuziehen; inzwischen — es ist um Sonnenuntergang — schickt er sich an, das Mincha-Gebet zu verrichten. Er steht zur Wand gekehrt im Gebet, da geht die Tür auf, und ein Mädchen kommt herein mit einer Schale. Der Rebbe ist im Gebet, also wird sie warten: schwänzelt im Zimmer herum, geht auf und ab. Der Rebbe sieht sich nicht um. Vergißt sie sich, sozusagen, und beginnt vor sich hinzusingen, und hat — ihr versteht — eine Stimme — na, wie sie sein soll! Aber hört er sie etwa?! Da tut sie, als sei sie müde geworden, setzt sich ohne Umstände auf das Bänkchen und beginnt, sich darauf hin- und herzuwiegen. Das Bänkchen knirscht... Närrisch! Käme eine Schlange, ihn zu stechen, er würde sich auch nicht von der Stelle rühren. Jetzt wird das Mädchen schon ein bißchen böse und beginnt wieder hastiger im Zimmer auf- und abzugehen. Da unterbricht der Rebbe sein Gebet, speit aus und sagt den Rest. Darauf setzt er sich an den Tisch und sagt ruhig: „Zeig' das Geflügel!" Sie will es ihm in die Hand reichen. Doch wieder sagt er ganz ruhig zu ihr: „Leg' es auf den Tisch! Ein jüdisches Mädchen", lehrte er sie in freundlichem Ton Anstand, „muß wissen, wie man etwas zureicht." Nun legt sie ihm irgendein Hühnchen vor, und er sagt: „Erzähle!" Da erzählt sie des langen und breiten, wie man das Huhn bei einer Bäuerin gekauft hatte, nach Hause gebracht, wie das Huhn davongelaufen ist, wie man es wieder eingefangen hat... Und dabei lacht sie und zeigt die Zähnchen, und die Stimme klingt in allen Winkeln wider. Und von den Zähnchen huscht ein Schimmern umher — so schön sind sie. So redend und lachend streicht sie um den Tisch herum. Ihre Ärmel sind kurz aufgekrempelt, die Arme nackt, das Hemd vorne aufgerissen, und ihr Körper — sie hat sich parfümiert — riecht nach allen Himmelsdüften! Und sie spart keine Mühe, streift an den Tisch, an das Bänkchen, an des Rebben Hand. Der betrachtet das Hühnchen. Sie läuft und stellt sich hinter ihn und sieht ihm über die Schulter, berührt mit ihrem Frätzchen seinen Kopf; ihr Atem wärmt ihn durch das Mützchen hindurch; sie haucht ihm auf den bloßen Hals — und alles vergebens! Der Rebbe hört zu Ende, wirft nochmals einen Blick dahin, wohin er muß, und sagt: „Koscher! Und du, Mädchen", fügt er hinzu: „laß dich verheiraten!" Mit dem Huhn fliegt das Mädchen zum Fenster hinaus... Der Rebbe lächelt; er verstand schon, was es bedeutete... und? — gar nichts! 295

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.