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Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Um eine Prise Tabak
Date
1938-10-01
Page
283 (sequence 4)
Language
German
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Um eine Prise Tabak Kommen alle hereingestürzt. Man reibt sich die Augen: wo ist der Kläger, wo der Beschuldigte, wo sind die Dukaten? Alles verschwunden — auch der Wagen, auch die Pferde — als hätte die Erde sie verschlungen... War das ein Traum?, sinnen die Leute in Chelm, oder — der Barmherzige möge uns bewahren — Hexerei? Inzwischen erhält der Böse Bericht. „Narren!", sagt er, „— Bestechung hätte er schon genommen, aber doch nicht bei einer Sache, die offenkundig zu werden drohte — hätte ja herauskommen können wie Öl in Wasser! Er wäre zur Verantwortung gezogen und am Ende noch festgenommen worden — er ist doch kein Narr!" Ein Jahr Haft auf brennendem Pechboden ist die Strafe für die schwachköpf igen Geschwänzten. Eine neue Konferenz wird abgehalten, und keiner schreit mehr „Ich! — Ich!" Doch zwei von den höheren, der eine ein besonders Verschlagener, der andere von reicher Erfahrung, nehmen die Sache erneut auf sich. * Es war an den Bußtagen, an einem kalten, finstern Regentag. Chelm badete in Schlamm, aus dem Himmel darüber triefte Melancholie. Da kam des Weges daher ein Jude, ein Bettler, nichts als Haut und Knochen — möge die Gnade uns davon? bewahren —, verhungert und auf Krücken, ein Bein untergebunden. Er schleppte sich von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, von Laden zu Laden und bekam im zehnten Haus ein altes Stückchen Brot, für das ihm die Zähne fehlten, im zwanzigsten einen abgegriffenen Groschen, der ihm aus der Hand glitt. Chelm braucht keine fremden Bettler, hat heimische und angesehene und allerlei verschämte Arme wie Witwen und Waisen von Schächtern, Dajanim, Rabbonim und andern Gemeindebeamten... So schleppt er sich herum, einen Tag, einen zweiten. Nässe und Kälte dringen ihm durch und durch. Die Watte, die aus seinem Mantel herausquillt, trieft; die Augen treten ihm aus den Höhlen, und plötzlich, mitten auf dem Marktplatz, bricht der Alte zusammen. Eine Krücke rechts, die andre links, und er liegt dazwischen, Schaum vor dem Munde... Juden, Söhne von Barmherzigen, eilen herbei: der eine besprengt ihn mit Wasser, jener kommt mit ein wenig Rosinenwein, ein anderer mit einem Messer, ihm die Zähne auseinanderzustemmen und ein paar Tropfen einzuflößen. Wieder andere schreien: „Chelm ist Sodom!" Inzwischen verfällt der Alte in Agonie. Man wird ihn doch nicht — Gott behüte — in der Gasse sterben lassen! Erhebt sich die Frage: Wohin mit ihm? Die Familienväter ziehen sich zurück; einige wissen nicht, wohin mit ihm... Da kommt gerade der Rebbe vorbei. — „Zu mir 253

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