Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Um eine Prise Tabak
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 281 (sequence 2)
- Language
- German
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Um eine Prise Tabak Ist aber nicht so leicht getan wie gesagt. Eine Frau hat der Chelmer Rebbe — nicht euch gesagt! — nicht, seit so und so vielen Jahren schon ist er Witwer; Kinder — die sind schon verheiratet; da ist nichts zu holen. Von Schafen und Rindern ganz und gar nicht zu reden — nicht ein Zipfelchen Ziege! Was also? Einen Chelmer Rebben einfach so in Plagen nehmen? Ein Gelüstchen vielleicht?, sinnt der Böse und leckt sich, streckt die Hand nach dem Tisch aus, rührt das Glöckchen in einem Schädel, und das Zimmer füllt sich mit Geschwänzten. „Wen werden wir schicken, und wer wird für uns gehen, den Chelmer Rebben vom Wege abzubringen?" Ein wildes Geschrei: „Ich!" — „Ich!" — „Ich!" Alle wollen sie. Man weiß doch: für solche Kunststücke wächst man wie Hefeteig. Her und hin. Es kommt fast zu einer Schlägerei; ein Machtspruch wird nötig. Das Los entscheidet und fällt auf zwei der Geschwänzten, man sagt ihnen Massel tow, und sie verschwinden. * An einem schönen, hellen Tag stehen Chelmer Juden in Grüppchen auf dem Markt herum, schwatzen und reden vom Wald der Gutsherrn, von den Maßgeräten der Bauern, von Fellchen, die noch auf den Hasen sitzen, von ungelegten Eiern. Da zittert plötzlich der Boden unter ihnen und erbebt. Ein Krachen, noch einmal, dann kommt ein Wagen herangejagt, seine Räder donnern... Ein wildfremder Wagen, die Pferde staubig, Tiere wie Löwen... Und der Wagen — mit einem Ruck rast er in den Markt hinein, läßt nicht Zeit zum Ausweichen. Vorne auf dem Bock steht ohne Peitsche der Fuhrknecht, vorgebeugt, mit gesenktem Kopf, in einer Mütze mit Ohrenklappen, eine rote Schärpe um die Hüften, die Hände in die Seiten gepreßt, und reißt die Hüften zurück, wenn die Pferde mit gestreckten Hälsen sich bäumen. Hinter ihm aber steht ein herrenmäßig gekleideter Jude, im Kaftan, in einem Prunk von Anno dazumal! In seiner Rechten schwingt er die Peitsche und knallt über die Pferde hin, daß sie sich bald aufbäumen, bald wieder dahinfliegen wie Adler. Mit der Linken stößt er ein über das andere Mal den Fuhrknecht in den Rücken, und von Zeit zu Zeit tut er auch noch einen Pfiff, daß die Pferde aus der Haut fahren wollen und im Galopp sich strecken wie Schlangen. Und der Fuhrknecht schreit und schreit: „Juden, Söhne von Barmherzigen, erbarmt euch! Juden, Söhne von Barmherzigen, rettet mich!" Leicht gesagt: rettet! — ganze Bündel von Funken stieben unter den Hufen hervor... Also jagt man dem Wagen nach. Mit entsetzten Augen sagen die einen Haschern Jischmerejnu, andere überlegen noch; Frauen kommen aus den Läden gestürzt und schreien Erbarmen. 231